Inkubation.

4.1.2P1Man muss die Menschen meiden, einmal mehr. Was bleibt, die Wahl zwischen Verhungern und Vergiften, nichts zu essen, oder aber, was einen vielleicht umbringt. Am Hang wüten nachts die Wildschweine oder Wölfe, graben nach Futter im Schlamm. Die Spuren sind eindeutig. Seitdem der Weg hinab verschüttet wurde, haben die Esel sich im Wald verschanzt. Bisweilen hört man sie schreien. Wir brüten im Haus, darüber, was zu tun ist. Sorgsam regeln wir die Temperatur, die Luftfeuchtigkeit, wir ziehen Salat in der Badewanne.

Leise verabschieden wir uns von alten Gewohnheiten, und das lässt uns langsam klarer sehen. Was lange überspielt wurde, bricht aus uns heraus. Die Lage ist ernst und wir wissen nichts damit anzufangen. Der Bettkasten ist vollgestopft mit losem Bargeld, doch wir trauen uns kaum, einkaufen zu gehen. Die Vorräte des Onkels liegen im Keller bereit. Freunde gehen ein und aus, mit schweren Taschen davon. Die Stadt liegt siech am Ufer drüben. Eine eigenartige Fröhlichkeit liegt in der Luft, Magnolien parfümieren den Westwind.

Vielleicht ist unser Geld bald nichts wert, oder unsere Geduld, vielleicht erfüllt sich unsere Angst, vor der Zeit zu sterben. Wir lachen mehr als sonst, Krähen sammeln sich abends auf dem Dach, wir schmecken Moos und Harz und feuchte Tannen am Morgen. Man traut sich nicht mehr über den Weg. Jeder ist ein Verhängnis. Wenn wir unsere Freunde umarmen, wissen wir, was wir tun. Irgendwann kommt niemand mehr. Endlich haben wir uns doch eine Hütte im Wald gebaut, hoch über dem Haus am Hang. Die Esel sind verlässliche Wächter. Mit meinem Feldstecher schaue ich auf alles, was sich bewegt.

Eröffnung.

Es ist wie in einem Antiquitätenhandel: Goldgerahmte Gemälde hängen von den Wänden der Kanzlei, riesige bunte Vasen, schwere Teppiche kreuz und quer auf dem Boden verteilt. Die Dinge landen irgendwo an und verharren, wie in einem nachlässig geführten Museum, man traut sich kaum, etwas anzufassen. Es gibt Mokka in silbernen Tassen. Als der Notar sagt, ab jetzt müssen wir uns nicht mehr sorgen, wird mir unwohl. Er bespricht mit M. die Modalitäten, sie blättert in den Unterlagen, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Ich bin ähnlich nutzlos und zufällig wie die Dinge im Raum. Vor dem Fenster fließen Schiffe die Seine hinab. Ich öffne das samtige Kuvert erneut und lese die sinnlos verschnörkelte Schrift des Onkels:

»Der Fonds – – mit der Nummer – – – hinterlegt in der — Credit etc. – zusammengesetzt aus – – nebst folgenden Gegenständen befindlich im Chateau – – aus krummem Holz lässt sich bekanntlich nichts Gerades zimmern – – P. soll meinen zweitliebsten Spazierstock mit dem Löwen am Knauf bekommen, der Junge braucht Bewegung – – – nexus rerum — – außerdem von den jungen Ramorantin-Weinstöcken – – – und auch die beiden Esel, deren Schreien die Zwillinge schon lange stört, sie sagen aber nichts – spiritus familiaris – – eine neue Heimat – das Wichtigste aber bleibt die Vorsorge – – Von den Vorräten im Keller beliebige Mengen – – Sapienti sat.«

Im Zug zurück liegt der Stock mit dem silbernen Knauf auf meinen Knien. Wir könnten den steilen Hang über dem Haus erwerben, die Rebstöcke pflanzen, eine Weide anlegen für die beiden Esel. M. kämpft mit der Müdigkeit, bemüht sich um Haltung. Unsere letzte große Fahrt hatten wir noch auf den Koffern im Gang verbracht. Jetzt sitzen wir wie im Aquarium, die Dunkelheit rauscht vorbei. Man serviert Kaffee und Lächeln am Platz. Alles ist still. Man kann niemals wirklich Abschied nehmen. Niemand weiß, was das heißen soll: vergangen. So fahren wir ins Offene dahin.

eröffnung

Erbteil.

Wie gerne würde ich M. einmal in Ruhe betrachten, sie aber liegt begraben unter Kissen. Das Licht steht grell vorm Fenster. Es ist Neujahr, die Nacht steckt uns in den Knochen, alles ist flau und ungefähr. – Langsam erst formt sich wieder, was ist. Der Termin beim Notar steht an. Ich denke an die großen Augen des Freundes, als ich ihm von der Erbschaft erzählt hatte. Wir waren uns zufällig auf dem Maskenball über den Weg gelaufen. Er ist auch nicht mehr derselbe, sogar etwas ärgerlich war er, mich zu treffen, wie man zurückschreckt, wenn man etwas schon lang Abgelegtes, Abgetanes in einer Schublade entdeckt. Er hatte sich in einen schlechtsitzenden Smoking gezwängt, mit eingehakter Fliege. Die fremde Frau an seiner Seite, bemühte er sich um Haltung.

Irgendwann starren wir alleine von der Terrasse hinab ins Tal, wo Nebel vom Fluss herauf dampft. Voll vom Buffet, zwei Glas Champagner auf der Brüstung, überspielen wir die Scham, was aus uns geworden ist, und ich erzähle meinem alten Freund schließlich von der Erbschaft: M. hat einen Brief von den Zwillingen bekommen, ihr Onkel ist seinem Kampf ums Überleben erlegen. Was genau im Chateau vorgefallen ist, muss ungeklärt bleiben, man hat ihn im Wassergraben morgens aufgefunden. Es stellte sich heraus, dass er auch für M. vorgesorgt hatte. Ein beträchtliches Vermögen soll auf sie übergehen. Der Freund schüttelt nur den Kopf und ist kaum zu beruhigen.

Dann verschlang uns wieder die Zeit. Diese Nacht, hier im bunten Park, waren wir noch einmal jemand anderes. Doch jetzt gleiten wir hinüber in andere Tage. Was soll man in diesem Leben anfangen, dass man nichts hinterlässt als Last, nichts an dem jemand Anstoß nehmen könnte, man muss die Dinge in Zaum halten, als wäre man schon fort und die Tür ins Schloss gefallen. – Ich sehe ihr Haar, den schweren Atem, ein nackter Fuß ragt aus der Decke, dann treibt ein Arm nach oben, der tastend mich näher zieht, man hat keinen Begriff für die eigene Not, man steht im Nebel, im Licht.
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Ausklang.

Der Winter ist zu früh gekommen. Blau liegt der Fluss da, nutzlos gefroren. Die Hügel zugedeckt, weiß, nichts bewegt sich, und wenn doch, dann wie unruhig im Schlaf. Der Kahn bäuchlings in der Böschung. Vor Wochen schon haben wir den Fährbetrieb eingestellt. Unser Geld geht zur Neige, die Geduld mit diesen harten Tagen. In den Gassen leuchten die Schaufenster, wo man seine Haut zu Markte trägt. Glatteis hat sich zwischen die Steine gesetzt, wir bewegen uns in die eine Richtung, und rutschen in die andere.

An glitzernden Scheiben, rot und kalt, frieren die Finger fest: Wo aber ist das schimmernde Leben, fragen wir, wenn wir Uhren betrachten mit geschmeidigen Zeigern, und lassen nichts zurück als das Relief der Rillen, wo der Frost sich sammelt. In allen Winkeln sind Buden aufgeschlagen, flackerndes Licht, um das Fledermäuse irren. Der Mond legt sich silbern in die Nacht, wir rasseln mit den Knochen und eilen durch lange Gassen. Unser Freund, der Maler, hat zum Essen geladen.

ausklang

Endlich steigen wir die Stufen hinauf zum Atelier, es riecht nach dunklem Harz. Rahmen hängen von der Decke wie Sterne über einem Garten aus Muscheln, Schädeln, Töpfen mit Farbe und Lasur gesprenkelt. Im Sessel, in sich versunken, schläft der Maler, mit über dem riesigen Bauch verschränkten Händen, die wie junge Löwen ruhen, sein Atem kondensiert in gewaltigen Wolken an den Gemälden. Alles schwebt in seinen Bildern, die Menschen, die Farben, der Klang. Wir bewundern den gerechten Schlaf: Unser Freund malt nur, um zu entgehen, was auf den Marktplatz taugt, um unbehelligt spazieren, seine Mahlzeiten nehmen zu können.

Leise machen wir uns über die Schale mit Früchten her, machen ein Feuer aus Wachholder, mit klammen Fingern blättern wir in den lose verteilten Büchern. Wir nagen am Pergament, saugen Schicht um Schicht Honig aus der toten Tinte. Dann leuchten auch die hungrigen Augen auf: blaues Haar, ausgelassene Buchstaben und Glieder halten inne, Flecken von Licht bannt der Blick, um in einem Wirbel von Farbe und Form aufzugehen, um unaufhaltsam sich aufwärts zu schrauben –

Ausgangssperre.

An den neuen Stadtmauern machen wir Halt: Moos liegt kunstvoll in den Ritzen, wo der Stein sich himmelwärts schraubt. Im Zweifel ist man in der Stadt eingeschlossen, wie Vieh im Gatter. Am westlichen Ufer haben wir die Tour begonnen, wo man alles zum Parkplatz planiert hat, der gleichwohl in seiner Größe und Lage einzigartig ist. Blumenkübel rahmen den Asphalt ein: Man stellt den Wagen ab und fotografiert mit dem Fluss im Hintergrund. Wo einmal Hügel ungenutzt standen, schmiegt sich nun ein Reisebus in die Landschaft. Ein Meer von Regenschirmen steht in der Böschung bereit.

In unserer Fähre bringen M. und ich die Besucher zur Stadt hinüber. Manchen missfällt vielleicht der Schmutz auf dem Kahn, sie seufzen über das schlammige Wasser, über die braunen Wolken, die den Hügel verstellen. Dann aber geht ihnen die Überfahrt doch zu schnell. Wir schleusen die Gruppe geschickt durch die Gassen der unaufhaltsam wachsenden Altstadt, Geranien heischen Bilder in regelmäßigen Intervallen. Wir erzählen die alten Geschichten, lenken den Blick hin zu den verwaisten Glockentürmen, wo die Zeit stillsteht. Wir beglaubigen die Echtheit des Gerölls, M. übersetzt meinen Akzent für die staunenden Reisenden in fremde Sprachen. Vergangene Tage leben auf, aber wie Gespenster, die glauben, heimzukehren.

Dass Menschen hier leben, mit vollen Taschen stapft man, mit neugierig schwankenden Augen, mit Kennermiene, unverwundbar schlendert man auf den Straßen, schwingt den Spazierstock wie den Stock des Schäfers, zerteilt den blinden Horizont und hilft ihm auf. Um so im Nichtstun für sich durch die Welt zu gehen, dafür hat man sich aufgespart. Wir folgen den Pfeilen und Plaketten und schließlich stehen wir auf der Brüstung, starren hinab ins Tal, jeder von sich selbst ein wenig gelöst, doch nicht weit genug, um den Halt zu verlieren, dass, was uns hält, das leise Unglück, nicht hinabstürzt und verloren geht. Am Abend dann wird das Feuerwerk abgebrannt, das Licht der Stadt erlöscht.

ausgangssperre

Fährdienst.

Am Ufer treibe ich wie Wurzeln meine Hände in den Schlamm, ich finde gerade genug Halt, um das Boot zu landen. Wir haben einen Fährdienst über den Fluss eingerichtet: Die Brücken sind unpassierbar, liegen verbrannt und nutzlos im Wasser. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen jeden Tag übersetzen wollen. Bisweilen bilden sich Schlangen vor der Schneise in der Böschung, wo unser Ankerplatz versteckt liegt. Manche haben es furchtbar eilig, andere warten in lämmergleicher Geduld. Die Passagiere entrichten, was sie entbehren können. Während ich rudere, übernimmt M. das Steuer. Die Strömung aber macht es uns schwer, eine gerade Linie zu halten.

Wir befördern jeden ohne Unterschied, doch wir trösten und belehren nicht, so bitter viele auch sind. Jede Auskunft müssen wir verweigern, wenn sie ängstlich nach dem Weiter fragen. Wir setzen sie nur nach Art des Menschenmöglichen über. Metall und Stein ragt wie ein Riff aus dem Fluss, vorsichtig umfahren wir das Hindernis. Unruhe kommt auf. Wenn sie in Gruppen reisen, drängen alle gleich nach einem Platz an der Sonne. Nur mit gezielten Peitschenhieben kann M. die Passagiere in Schach halten. Ihre Schemen ragen in das Nichts, in den Augen lodert fatalistischer Triumph.

fähre

Manchmal klammert sich wer an die Ruder, will die Fahrt noch beschleunigen, doch verzögert er damit in Wahrheit nur die Ankunft. Bald lässt er ab, ein jeder muss sich am Ende im Strom treiben lassen. Man rudert dann mit den Armen in der Luft weiter, um wenigstens die Muskeln in Form zu halten. Manche jammern, weil sie im Begriff stehen, alles zu verlieren oder erwägen lautstark, ihren Anspruch auf Glück wie ein Geburtsrecht einzuklagen. Es hat etwas Empörendes, wie sich die Dinge gewendet haben. Ein großer Betrug geht vor, und wer in aller Welt will schon betrogen werden. Man breitet am Ende gar die Arme aus im Wind, sich rasch noch in einen Falter zu verwandeln.

So also erhalten wir unser Leben. Wir machen zudem ein Schleppnetz hinten am Boot fest, und klauben dann am Ende des Tages aus den Maschen, was sich nicht hat befreien können. Wir finden viel Unrat, ein paar kleine silberne Fische, die sich winden, Flusskrebse, Schrott, Munitionshülsen, ab und an eine verirrte Barbe. Abends dann kommt Wind auf, der durchs Tal fegt. Der Fluss liegt vergessen da unter den duftenden Gärten, wo man vielleicht wieder Treibgut, rücklings wie Fische, erspähen kann. Wer aber ließe sich noch zwingen, die Dinge ganz ohne Augenschließen anzusehen? Der Blick gleitet hinweg mit der Leichtigkeit, mit der jetzt die Klinge in den Bauch der Barbe fährt.

Kriegsvorbereitungen auf dem Lande.

Als wir in das Haus eingefallen waren, hatten wir es blank geputzt und bis aufs Mark ausgeräumt vorgefunden. Die Fliesen speckig poliert, die Fenster glänzten, als sei kein einziger Blick hindurch gedrungen, der das Glas hätte trüben können. Alle Spuren der Vorbesitzer waren restlos getilgt. Wir beeilten uns, die Habe zu verteilen, trugen emsig Schmutz an unseren Füßen hinein, um diesen furchtbaren Zustand rasch zu überwinden. Ich ramme meine Flagge in die Auffahrt, wir schmieren unsere Namen an die Tür. Diesen Fleck reklamieren wir für uns.

Die Luft ist gleißend, das Tal flimmert in weiter Ferne. Nichts stört die Stille, nur manchmal rasen Kampfjets in unlesbaren Formationen knapp über unser Dach hinweg, nur um hinter den Hügeln zu verschwinden. Ich bin rastlos, die Hitze verwandelt jeden menschlichen Gedanken sogleich ins Menschenunmögliche. Tausend Dinge sind zu tun, die alle geisterhaft verwehen. Die Erde ist Staub. Es ist nicht die Zeit, Bäume zu pflanzen. Ich ackere mich ab, wühle, hin und her, den Boden auf. Keine Stelle will ich unversehrt lassen. Die Dornenhecken reißen mir die Hände auf, gefurcht werden sie vom Dreck und gespickt mit Rissen, die zu kleinen weißen Narben heilen. Halb blind von der Sonne arbeite ich wie in Scheinwut vor mich hin. Ich verseuche die Moskitos mit meinem Blut.

So also mache ich meinen Frieden mit der Welt und baue eine Burg. In den Mauern werde ich endlich frei sein. Ich repariere das Schloss der eingetretenen Tür. Ich schlage die Wand im Erdgeschoss mit einem Vorschlaghammer heraus. Staub und Putz verteilen sich auf dem Boden bis hin in die letzte Ritze. Der Bau geht gut voran. Wir sammeln Feldsteine am Hang, plündern die Einfassungen der Weinberge. Ich schichte mannshoch die Steine auf, mit Scharten dazwischen. M. hebt derweil den Graben aus. Die Befestigungen wachsen. Ich will eine Bleibe für die Ewigkeit schaffen.

Irgendwann bleibt nichts, als auf den großen Regen, der uns abschirmen wird von der Welt, zu warten, während wir drinnen kauern, feucht und warm. Hält man aber einmal in der Arbeit inne, und hört das fröhliche Rufen wie Hämmern den Hang hinaufwehen, dann kann es einen beim Gedanken schaudern, dass es andere Gemeinschaften gibt, dass Kriege geführt und Ehen geschlossen werden mit der größten Selbstverständlichkeit, wie sie sonst doch nur den Insekten eigen ist, die durstig ausschwärmen. Ich kratze die Stiche auf, ich markiere den Boden mit meinem Blut. Nichts belästigt weniger, als sein eigener Nachbar zu sein. Niemand wird nach mir je hier wohnen können.

kriegsvorbereitungen