Elegie am Scheideweg.

Heute nacht hab ich ein pferd gestohlen
und musste es alleine stehlen
war auf mich gestellt und ganz verloren:
und weiß nicht ein und weiß nicht aus

aber schau: du warst nicht da
ohne dich kann ich keine pferde stehlen
ohne dich da bin ich nur ein dieb
verloren in der weiten nacht

jetzt aber stehe ich dumm da
vor einem stall im nirgendwo:
die sterne sind gewiss sehr schön
doch wird das nur wenig helfen

ich hab die hand am halfter
das pferd es schnaubt und schüttelt
sein halbseidnes haar: ungeduldig ists
und arg verschlafen im huf

in der stunde meiner not wo licht
verlassen in der nacht hinwiegt
warum warst du nicht da sag mir:
was tun mit ross und reiter

dann endlich sitz ich fest im sattel
auf der erde: das pferd aller lasten frei

wiehert in der schwarzen nacht

elegy

Licht, Scheffel.

verwegeneich muss dich warnen
verwegene
wo führt das hin

siehst du nicht
die elstern sammeln sich
schon auf den dächern

wie gehst du deine wege
leicht und lächelnd
wo ist deine angst
und wo die hast

verwegene
ich bitte dich verbirg
was glitzert in dir

man will es dir rauben
das leuchten der augen
deine hellen hände

lass deine schwäche für das licht
nicht sehen ich bitte dich

warnen will ich und rufen
und verstumme vor dir
verwegene

und vergesse gar zu flüchten

Liegenschaft.

Ein Nachbar hat mir sein Haus hinterlassen. Niemals zuvor hatte ich es betreten, seit mehr als fünf Jahren schon war er jetzt verschollen. Hoffnung, dass er wieder gefunden werden könnte, besteht nicht, nun fiel das Haus mir zu. Wände weiß und blank, Möbel, verloren in den leeren Räumen. All seine Habe hatte er heimlich weggeschafft, den Schlüssel stecken lassen. Ich erinnere mich an den Abend, als man bei mir klingelte und sich erkundigte. Doch hatte ich mit dem alten Mann nur gesprochen, was man zwischen Tür und Angel, im dunklen Lärm der Straße, eben so abtun kann.

Nun ging ich durch die im Licht schwimmenden Zimmer. Wie Schnee hatte sich Staub auf einer Kommode gesammelt. Ich zog hier und da, weniger aus Neugier, mehr aus Verlegenheit, eine Lade auf. Die meisten Schubladen waren leer, nur im Schreibtisch dann fand ich Dutzende leere Hefte, die Blankoseiten zerlesen, als hätte jemand ausführlich darin geblättert. Ich legte sie auf den Tisch, um sie später vielleicht mitzunehmen.

Da stand ein Mann im Türrahmen. Er entschuldigte sich für sein Eindringen und stellte sich als Bruder meines Nachbarn vor. Er wolle nur noch einmal durch das Haus gehen, sozusagen Abschied nehmen, das sei alles. Als er den Stapel von Heften sah, seufzte er auf. Ich könne mir keinen rechten Reim darauf machen, sagte ich. Die Hefte seien offensichtlich in Gebrauch gewesen und doch sei anscheinend niemals etwas in sie hinein geschrieben worden. Oder vielleicht unsichtbare Tinte? Ich hielt probeweise ein Blatt gegen das Licht.

was-bleibt

Nein, das sicher nicht, sagte er da. Ich müsse wissen, dass sein Bruder auf seine alten Tage hin irgendwann nur noch bestrebt gewesen sei, den Kreis seiner Existenz mehr und mehr einzugrenzen. Er habe ihn oft gesehen mit diesen Heften, da hatte er aber auch schon alle Bücher weggeschafft und lange aufgehört, zu schreiben. Und gleichwohl habe er in den Heften seine Gedanken aufgezeichnet. Das sei seine Art gewesen, zu schreiben, ohne zu schreiben, nun würde er vielleicht leben, ohne zu leben, wer wusste das schon.

Ich nickte fragend und nahm die Hefte an mich. Kaum konnte ich sagen, ob mein Nachbar nun das Ebenbild seines Bruder war, oder ob er ihm überhaupt nicht ähnelte. Er stand am Fenster und sah zum Hof hinunter. »Was wird nun mit dem Haus geschehen?« – »Was werde ich schon tun? Ich öffne die Türen und die Fenster, der Wind wird das Dach forttragen, die Tiere in den Nischen nisten und wühlen, bis kein Stein mehr auf dem anderen liegt. Das wäre in seinem Sinne, meinen Sie nicht?«

Den 20.

Immer im Januar, da frage ich mich, was tun. Durstig bis in den Schlund, das Gebirge der Stadt vorm Fenster und schneeblühende Gassen, garniere ich in der Enge meiner Küche die Speisen. Blüte um Blüte platzierend, frage ich mich in der Ecke beim Ofen, was geschieht. Was wird meine Zukunft, diesen vielleicht gewaltigen Irrtum, besiegeln? Dann ist mir wieder, wenn ich die Brücke betrete, die der Schnee saufende Fluss sich aufgeworfen hat, als ginge mir jemand langsam entgegen, mit dem aufreizenden Schritt des Passanten, dem alles am Weg liegt, der jeder Begegnung aber ausweicht, der sich beständig umkehrt, vielleicht vom Glück oder anderen Mächten verfolgt.

Immer wieder im Januar, wenn der Tag schon zur Neige geht, will ich zwischen Ja und Nein dem Hunger einmal Luft machen. Es ist ein ganz unbegreifliches Hungern, das man mit ausgestrecktem Arm vor sich herträgt, der Teller wird still zum Tisch getragen und durch die Tür dringt das Lachen. Es schwinden, es fallen meine Stunden jahrlang ins Ungewisse hinab. Dann stehe ich also am Fuß der Brücke und fasse mein Gegenüber ins Auge, bis er vor dem unflätigen Geschrei endlich die Flucht ergreift. Sein Rücken aber ist die Nebelwand, die das weiße Tal verhüllt.

20

Vom Zuhören. (4)

[…]

Nachdem er sich der allgemeinem Aufmerksamkeit nochmals versichert hatte, kündigte der Alte an, jetzt alles und zwar endgültig und ein für alle Mal erklären zu wollen. Da die Angelegenheit so wichtig sei, müsse man sie rücksichtslos aus sich rauspfeifen: Das Leben ist so lange, begann er die Rede, dass man zusehen muss, wie man es aushält. Ich sage nicht, dass es schlecht oder gut ist, es ist nun einmal da, was will man machen, da kann man viel drüber reden, man kommt doch nicht weiter, aber eins, das fühlt man irgendwann, wir alle fühlen es, und wenn nicht, dann verleugnet man alles, was man nur ist. Der Himmel über mir und das Herz in mir, meine Damen und Herren, diese beiden geben mir zu verstehen, dass uns die Freiheit verfolgt, und der einzige Weg, ihrer gerechten, aber grausamen Forderung zu entkommen, ist es, sich ihr zu stellen.

Als endlich auch die Katze ihre Ohren aufstellte, fuhr er mit triumphierendem Blick fort: Manche werden heimlich irre auf der Flucht, weil sie sich einrichten und anfreunden, mir aber war es nicht möglich, der Sirene Freiheit zu entgehen, sie hat mich eingeholt, aus der Bahn geworfen, meine Karriere habe ich ihr geopfert, meine Gesundheit, die Familie, was soll dann die Freiheit, höre ich euch sagen, aber sie ist blind, ist wie ein brennender Wind in der Wüste, der dich vorwärts peitscht. Das Leben ist zu lange, um dem standzuhalten, man wird mürbe, man muss nachgeben. Aber hier sage ich euch, auch ihr habt nichts zu verlieren als den Verlust der Freiheit, lasst liegen, was euch beschwert, und folgt mir nach, ein letzter Schluck, ein letzter Biss, und es ist die Welt, die wir umwerfen werden!

zuhoren

Er leerte sie in einem Zug, warf die Weinflasche an die Wand. Da sprangen die Männer an der Bar auf und zerschmetterten die Gläser am Schädel des Nachbarn. Dann waren sie auch schon alle aus der Tür, zuletzt schlüpfte noch die Katze durch den Spalt. Der Wirt fegte mit bloßen Händen die blutigen Scherben zusammen. Paul saß da und ritzte mit dem Fingernagel Zeichen in den Tisch. Als Karo den Mund öffnete, kam kein einziger Laut, sie hustete, nichts geschah, sie glaubte zu ersticken. Da endlich beugte er sich zu ihr herab, wie um etwas zu sagen, das aber im Geprassel, wie von Regen, unterging.

Es war der Applaus, der sie aus den Gedanken riss. Der alte Mann am Pult lächelte, zog sich Sonnenbrille und Hut wieder an, dann löste sich alles schon im allgemeinen Gemurmel auf. Sie hätte nicht rennen müssen, so müde war sie gewesen, dass sie von der Lesung eh nichts mitbekommen hatte. Gerade verschwand der Große, der schräg vor ihr gesessen hatte, in der Menschenmenge. Als Karo in die Bahn kletterte, hatte sie das Gefühl, um das Beste heute betrogen worden zu sein.

Hier kannst du deine Anmerkungen loswerden.

Vom Zuhören. (3)

[…]

Da stand sie nun vor dem Gebüsch und wusste auch nicht. Komm schon, rief es. Für wie blöd hielt der sie denn? Du hast den Wein und das Futter ja gar nicht angerührt. Ach so, sagte sie sich, der ist einfach nur irre, das ist alles. Sie legte die Rose auf den Gehweg und wollte schon die Straße überqueren, als ein grauer Mann im Anzug aus den Sträuchern stolperte; im Arm hielt er eine verdrießlich dreinsehende Katze. Es ist zu spät, ich verschwinde, lass mich in Frieden, schrie er, und schüttelte sich das Laub aus dem Haar. Jetzt kam auch Paul wieder zum Vorschein und versuchte, den Alten zu beruhigen.

Du erschreckst meine Freundin, sagte er, und machte eine Kopfbewegung in Karos Richtung. Der Alte nahm augenblicklich Haltung an, strich sich über das prächtig zerknitterte Jackett, und eilte schon auf sie zu. Sie war zu baff, als dass sie hätte weglaufen können. Die Katze protestierte gegen die Umarmung, Karo ließ es still geschehen, was hätte sie auch tun sollen, das war wie bei Wespen, wenn sie Angst rochen, wurden sie nur noch aggressiver.

Wo sind deine Manieren, willst du uns nicht zum Essen einladen, rief er zu Paul hinüber, als er sich schon bei ihr eingehakt hatte. Mögen Sie Sauerkraut. Ich auch nicht, das Geheimnis ist, es muss frisch sein, hat er schon einmal für Sie gekocht, ein unmöglicher Kerl, kochen aber kann der, oder zumindest schmeckt es, und der Katze auch, nur nicht das Grünzeug, das lässt sie mir immer übrig, undankbares Vieh, aber so geht es im Leben. Ihnen ist doch nicht kalt, das ist die Jugend, wenn man erst so alt ist wie ich, ist man für so ziemlich alles, was man noch irgendwie empfindet, dankbar.

Während Karo weiter die Worte um die Ohren flogen, führte der Alte sie in ein Gasthaus an der Hauptstraße. Drinnen lag das Licht müde hingestreckt über das abgegriffne Mobiliar und die paar Gäste am Tresen. Sie setzten sich an einen grotesk großen Tisch im hinteren Winkel des Raumes. Der Wirt wischte sich die Hände an der Schürze ab und brachte ihnen widerwillig die Speisekarte. Als er die Katze bemerkte und die Gäste daraufhin näher in Augenschein nahm, zögerte er für einen Augenblick, dann hatte er sich auch schon mit allem abgefunden und bot sogar an, einen Napf für das Tier bereitzustellen, was der Alte mit einer Suade über den Unterschied von Hund und Katze beantwortete und schließlich negativ beschied.

Die Betrunkenen am Tresen hatten sich zu der Gesellschaft herumgedreht und wiesen sich brabbelnd gegenseitig immer wieder auf das Tier und die merkwürdigen Gäste hin, und grunzten ein wenig und schlugen sich auf die Schultern. Dann glarten sie nur noch über die Gläser hinweg rüber und waren selig. Der Alte hatte Weißwein, Sauerkraut und Würstchen für alle bestellt. Jetzt hast du ja wieder Appetit, bemerkte Paul, als der Alte sich über seinen Teller hermachte. Es ist unhöflich, bei Tisch nicht zu essen, brachte er mit vollem Mund hervor. Der Katze schüttete er eine kleine Lache Weißwein auf den Boden und krümelte noch ein paar Stückchen Wurst hinein. Aber irgendetwas hat dich doch aufgeregt, beharrte Paul.

Karo aß zunächst langsam, sie wusste nicht recht, ob es ihr behagte und schmeckte, aß dann aber nicht ohne Genuss. Immer wieder warf Paul ihr entschuldigende Blicke zu. Sie schämte sich ein wenig wegen der Männer an der Bar. Andererseits: Was gingen sie Zuschauer an? Sie war ja mittendrin. Da hämmerte der Alte sein Glas an die Weinflasche und stand auf. Alles verstummte, den Betrunkenen stand vor Spannung der Mund offen; der Wirt lehnte sich gegen die Wand, um bequemer zuhören zu können.

[…]

zuhoren

Vom Zuhören. (2)

[…]

Vielleicht war das Leben auch nur eine Pause, die man überbrücken musste. Harter Tag?, fragte sie an der nächsten Haltestelle. Er antwortete: Weicher Tag, widerlich weicher Tag, wie Teig, geschmolzene Butter, ranzig, unbrauchbar, ein nervöser Tag, schmierige Stunden, wacklige Knie. Nichts gearbeitet, nicht einen klaren Gedanken gefasst, kein gerader Satz, nichts. Die Aufregung hat mich von allem abgehalten. Und noch zuletzt davor, überhaupt zu erscheinen. Das wird mir schaden, sicher, doch was könnte mir mehr schaden als diese Verwirrung, in die mich all das stürzt, all die widerlichen Forderungen, die man an mich stellt.

Er beulte den Hut aus, den er während der Rede zerdrückt hatte. Und wohin fährst du jetzt?, fragte sie weiter. Das spielt keine Rolle, hier ist Ende. Und tatsächlich kam die Bahn jetzt zum Stillstand, sie waren unbemerkt am Stadtrand angekommen, die Menschen stiegen eilig aus, ohne den Blick vom Boden aufzuheben. Als der Fahrer zum zweiten Mal Endstation brüllte, machten auch sie sich davon. Die Bahn verschwand in endloser Dunkelheit. Wohin gehen wir, fragte er, hier können wir kaum bleiben, der Wind wird uns zermürben, er ist kalt und ohne Erbarmen. Er hatte den Hut und die Sonnenbrille wieder aufgesetzt.

Jetzt bekam sie Lust, ihn einfach stehen zu lassen. Eine komische Type. Sie wäre besser zu der Lesung gegangen, da saß man wenigstens im Warmen und konnte abschalten. Andererseits: Wann hatte sie das letzte Mal jemanden so überraschend kennengelernt, mehr als das Übliche mit jemanden gesprochen, das passierte ja irgendwann im Leben nicht mehr. Und wenn auch nur eine kleine Geschichte dabei heraussprang, die man dann bei passender Gelegenheit erzählen konnte, das wäre schon etwas.

Während sie noch so am Überlegen war, schrieb er murmelnd etwas in ein kleines Notizbuch. Als sie ihn ansprach, verstummte er und steckte das Heft in die Hemdtasche. Sie verständigten sich darauf, zurück in die Stadt zu laufen. Der Vorort war menschenleer, die Straßen schienen für niemanden gebaut, die Verkehrslichter symbolisch. Wer jetzt nicht in seinem Haus war, würde sich ewig rumtreiben.

Nach wenigen Minuten schien er viel besserer Laune, überhaupt wurde er übermütig, balancierte plötzlich wie ein Kind auf einer niedrigen Mauer, rannte lachend voraus und stahl ihr zu allem Überfluss eine Rose aus dem Vorgarten. Es war schwer, sich darauf einen Reim zu machen. Sie nahm die Rose mit spitzen Fingern entgegen. Und noch ehe sie wusste, was geschah, war Paul schon im Gebüsch hinterm Supermarkt verschwunden.

[…]

zuhoren