Ausgangssperre.

An den neuen Stadtmauern machen wir Halt: Moos liegt kunstvoll in den Ritzen, wo der Stein sich himmelwärts schraubt. Im Zweifel ist man in der Stadt eingeschlossen, wie Vieh im Gatter. Am westlichen Ufer haben wir die Tour begonnen, wo man alles zum Parkplatz planiert hat, der gleichwohl in seiner Größe und Lage einzigartig ist. Blumenkübel rahmen den Asphalt ein: Man stellt den Wagen ab und fotografiert mit dem Fluss im Hintergrund. Wo einmal Hügel ungenutzt standen, schmiegt sich nun ein Reisebus in die Landschaft. Ein Meer von Regenschirmen steht in der Böschung bereit.

In unserer Fähre bringen M. und ich die Besucher zur Stadt hinüber. Manchen missfällt vielleicht der Schmutz auf dem Kahn, sie seufzen über das schlammige Wasser, über die braunen Wolken, die den Hügel verstellen. Dann aber geht ihnen die Überfahrt doch zu schnell. Wir schleusen die Gruppe geschickt durch die Gassen der unaufhaltsam wachsenden Altstadt, Geranien heischen Bilder in regelmäßigen Intervallen. Wir erzählen die alten Geschichten, lenken den Blick hin zu den verwaisten Glockentürmen, wo die Zeit stillsteht. Wir beglaubigen die Echtheit des Gerölls, M. übersetzt meinen Akzent für die staunenden Reisenden in fremde Sprachen. Vergangene Tage leben auf, aber wie Gespenster, die glauben, heimzukehren.

Dass Menschen hier leben, mit vollen Taschen stapft man, mit neugierig schwankenden Augen, mit Kennermiene, unverwundbar schlendert man auf den Straßen, schwingt den Spazierstock wie den Stock des Schäfers, zerteilt den blinden Horizont und hilft ihm auf. Um so im Nichtstun für sich durch die Welt zu gehen, dafür hat man sich aufgespart. Wir folgen den Pfeilen und Plaketten und schließlich stehen wir auf der Brüstung, starren hinab ins Tal, jeder von sich selbst ein wenig gelöst, doch nicht weit genug, um den Halt zu verlieren, dass, was uns hält, das leise Unglück, nicht hinabstürzt und verloren geht. Am Abend dann wird das Feuerwerk abgebrannt, das Licht der Stadt erlöscht.

ausgangssperre

Fährdienst.

Am Ufer treibe ich wie Wurzeln meine Hände in den Schlamm, ich finde gerade genug Halt, um das Boot zu landen. Wir haben einen Fährdienst über den Fluss eingerichtet: Die Brücken sind unpassierbar, liegen verbrannt und nutzlos im Wasser. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen jeden Tag übersetzen wollen. Bisweilen bilden sich Schlangen vor der Schneise in der Böschung, wo unser Ankerplatz versteckt liegt. Manche haben es furchtbar eilig, andere warten in lämmergleicher Geduld. Die Passagiere entrichten, was sie entbehren können. Während ich rudere, übernimmt M. das Steuer. Die Strömung aber macht es uns schwer, eine gerade Linie zu halten.

Wir befördern jeden ohne Unterschied, doch wir trösten und belehren nicht, so bitter viele auch sind. Jede Auskunft müssen wir verweigern, wenn sie ängstlich nach dem Weiter fragen. Wir setzen sie nur nach Art des Menschenmöglichen über. Metall und Stein ragt wie ein Riff aus dem Fluss, vorsichtig umfahren wir das Hindernis. Unruhe kommt auf. Wenn sie in Gruppen reisen, drängen alle gleich nach einem Platz an der Sonne. Nur mit gezielten Peitschenhieben kann M. die Passagiere in Schach halten. Ihre Schemen ragen in das Nichts, in den Augen lodert fatalistischer Triumph.

fähre

Manchmal klammert sich wer an die Ruder, will die Fahrt noch beschleunigen, doch verzögert er damit in Wahrheit nur die Ankunft. Bald lässt er ab, ein jeder muss sich am Ende im Strom treiben lassen. Man rudert dann mit den Armen in der Luft weiter, um wenigstens die Muskeln in Form zu halten. Manche jammern, weil sie im Begriff stehen, alles zu verlieren oder erwägen lautstark, ihren Anspruch auf Glück wie ein Geburtsrecht einzuklagen. Es hat etwas Empörendes, wie sich die Dinge gewendet haben. Ein großer Betrug geht vor, und wer in aller Welt will schon betrogen werden. Man breitet am Ende gar die Arme aus im Wind, sich rasch noch in einen Falter zu verwandeln.

So also erhalten wir unser Leben. Wir machen zudem ein Schleppnetz hinten am Boot fest, und klauben dann am Ende des Tages aus den Maschen, was sich nicht hat befreien können. Wir finden viel Unrat, ein paar kleine silberne Fische, die sich winden, Flusskrebse, Schrott, Munitionshülsen, ab und an eine verirrte Barbe. Abends dann kommt Wind auf, der durchs Tal fegt. Der Fluss liegt vergessen da unter den duftenden Gärten, wo man vielleicht wieder Treibgut, rücklings wie Fische, erspähen kann. Wer aber ließe sich noch zwingen, die Dinge ganz ohne Augenschließen anzusehen? Der Blick gleitet hinweg mit der Leichtigkeit, mit der jetzt die Klinge in den Bauch der Barbe fährt.

Kriegsvorbereitungen auf dem Lande.

Als wir in das Haus eingefallen waren, hatten wir es blank geputzt und bis aufs Mark ausgeräumt vorgefunden. Die Fliesen speckig poliert, die Fenster glänzten, als sei kein einziger Blick hindurch gedrungen, der das Glas hätte trüben können. Alle Spuren der Vorbesitzer waren restlos getilgt. Wir beeilten uns, die Habe zu verteilen, trugen emsig Schmutz an unseren Füßen hinein, um diesen furchtbaren Zustand rasch zu überwinden. Ich ramme meine Flagge in die Auffahrt, wir schmieren unsere Namen an die Tür. Diesen Fleck reklamieren wir für uns.

Die Luft ist gleißend, das Tal flimmert in weiter Ferne. Nichts stört die Stille, nur manchmal rasen Kampfjets in unlesbaren Formationen knapp über unser Dach hinweg, nur um hinter den Hügeln zu verschwinden. Ich bin rastlos, die Hitze verwandelt jeden menschlichen Gedanken sogleich ins Menschenunmögliche. Tausend Dinge sind zu tun, die alle geisterhaft verwehen. Die Erde ist Staub. Es ist nicht die Zeit, Bäume zu pflanzen. Ich ackere mich ab, wühle, hin und her, den Boden auf. Keine Stelle will ich unversehrt lassen. Die Dornenhecken reißen mir die Hände auf, gefurcht werden sie vom Dreck und gespickt mit Rissen, die zu kleinen weißen Narben heilen. Halb blind von der Sonne arbeite ich wie in Scheinwut vor mich hin. Ich verseuche die Moskitos mit meinem Blut.

So also mache ich meinen Frieden mit der Welt und baue eine Burg. In den Mauern werde ich endlich frei sein. Ich repariere das Schloss der eingetretenen Tür. Ich schlage die Wand im Erdgeschoss mit einem Vorschlaghammer heraus. Staub und Putz verteilen sich auf dem Boden bis hin in die letzte Ritze. Der Bau geht gut voran. Wir sammeln Feldsteine am Hang, plündern die Einfassungen der Weinberge. Ich schichte mannshoch die Steine auf, mit Scharten dazwischen. M. hebt derweil den Graben aus. Die Befestigungen wachsen. Ich will eine Bleibe für die Ewigkeit schaffen.

Irgendwann bleibt nichts, als auf den großen Regen, der uns abschirmen wird von der Welt, zu warten, während wir drinnen kauern, feucht und warm. Hält man aber einmal in der Arbeit inne, und hört das fröhliche Rufen wie Hämmern den Hang hinaufwehen, dann kann es einen beim Gedanken schaudern, dass es andere Gemeinschaften gibt, dass Kriege geführt und Ehen geschlossen werden mit der größten Selbstverständlichkeit, wie sie sonst doch nur den Insekten eigen ist, die durstig ausschwärmen. Ich kratzte die Stiche auf, ich markiere den Boden mit meinem Blut. Nichts belästigt weniger, als sein eigener Nachbar zu sein. Niemand wird nach mir je hier wohnen können.

kriegsvorbereitungen

Streifgebiet.

In diesen Sommernächten verwandle ich mich in einen Hund, der in den Gassen kläfft. Ich stöbere in den Menschen wie in Tonnen, finde Unrat und rottende Reste in den Kneipen, Rauch und kühnen Schweiß. Die Gläser klirren verbissen. Das Fröhlichsein erschreckt mich, die jungen, rosigen Gesichter. Ich selbst aber bin alterslos wie das ewige Ensemble dieser Stadt. Ich schlinge den Wein, ich bekomme keinen Fuß mehr auf den Boden. Ich will das Leben fassen und ihm am äußersten Zipfel zerren, und greife doch ins Leere. Die Nacht ist orange, rot meine Lefzen.

Als Hund lebe ich, der hungernd durch die Gassen zieht. Wie rohes Fleisch liegt das Leben dann vor mir, zuckend und zäh. Still pulsieren will ich, nichts weiter, ein Rausch sein. Wir wohnen, als sei das das Ende unserer Flucht, in einem verlassenen Haus, das, aller Habseligkeiten beraubt, am Hang liegt. Die Krähen hassen auf uns von himmelhohen Fichten. Unten rasen Sirenen: Man sieht sie schon von weitem kommen und in die Ferne fahren. Langsam richtet sich Langeweile in unserer Erschöpfung ein, das Warten wird gegenstandslos ganz und gar.

Erst abends traue ich mich hinab, wenn die Fremden sich wieder vertrauter sind. Mein Tiergedächtnis ist flüchtig, ich sehe jeden wie zum ersten Mal, Freund und Feind. So fletsche ich also die Zähne wieder am alten Platz. Es hat uns hierher zurückgetrieben, das Leben hat uns zurückgepfiffen. Was werden M. und ich noch anfangen in den fahlen Stunden, die dem Kämpfen folgen? Bis in die letzte Faser versehrt vom Glück wandere ich dann wieder hinauf zu den Sternen, auf allen Vieren zuletzt, und wittere die feinen Verästelungen, die unser Haus zusammenhalten.

streifgebiet

Schleuse.

Auf einem Binnenschiff reisen wir tiefer in den Kontinent hinein, die Kanäle hinab nach Süden. Meistens sitzt M. vorne an Deck, die Landschaft zieht vorüber, riesig und gleichgültig. Wir haben tonnenweise Sand geladen, der sich als feiner Staub überall an Bord verteilt; jeder Schritt knirscht unter den Füßen. Uns ist eine Lotsenkammer im Achterschiff zugeteilt, mit Etagenbett und Küchenzeile. Lange Zeit verläuft die Fahrt ereignislos: Unser Kapitän flucht vor sich hin, wenn er das Schiff an den anderen Frachtern vorbei navigiert. Abends dann, wenn er auf dem Kunstrasen des Sonnendecks liegt, wird er ganz still und krault die Hunde.

Nach wenigen Wochen erreichen wir endlich einen Umschlaghafen, wo die Ladung gelöscht werden kann, was mit ungeheuerlicher Geschwindigkeit geschieht, in einer Bewegung werden die Taue an den Pollern festgemacht und wieder gelöst. Der Kapitän rast minutenlang die Kommandobrücke auf und ab, für einen Landgang bleibt keine Zeit. Schon sind wir wieder auf dem Fluss, und ohne zu wissen, wohin es gehen soll, schießt das leere Schiff in voller Fahrt flussabwärts. Zwar kommen wir jetzt merklich schneller voran, die Ungewissheit aber scheint uns zugleich furchtbar zu verlangsamen. Wir passieren für Stunden nichts als verbrannte Wälder und stumme Städte.

schleuse

Irgendwann fahren wir zur Talfahrt in eine Schleuse ein. Die Tore schließen sich, das Schiff liegt stabil und ruhig da, der Pegel sinkt. Bald sind wir zur Ausfahrt bereit, doch nichts geschieht. Der Kapitän flucht ins Funkgerät, die Tore bleiben geschlossen wie die Kiefer des Leviathans, dem man nicht zwischen die Zähne greifen kann. Der Schleusenwärter verschanzt sich mit wohlwollenden Gesten im Turm. Tage harren wir so aus. Die Hunde jaulen vor Hunger. Wir fischen nach Kormoranen, eine ganze Kolonie hat sich am Damm angesiedelt, nichts aber stillt unseren salzigen Hunger. Im Schutz der Nacht gehen M. und ich dann an Tauen die Wände der Schleuse hoch. Erst am Waldrand rasten wir: Dunkel liegt der Fluss im Tal, Helikopter kreisen, werfen sinnlos Licht in die Finsternis.

Redundanz.

Nachdem wir endlich übergesetzt waren, wanderten wir ein paar Tage ins Festland hinein, bis wir dann in der französischen Provinz bei einem entfernten Verwandten von M. unterkamen. Sie rief ihn »Onkel«, eine Gewohnheit noch aus Kindertagen, und so sollte ich ihn auch nennen. Der Onkel wohnt in einem kleinen, vom Wald verschluckten Chateau, das von einem halb eingefallenen Wassergraben umgeben ist. Von weitem schon winkte er uns aus dem Turmfenster zu, indem er eine Flinte und eine Flagge im Wechsel schwenkte. Im Flur lehnte er die Kaliber .22 an die Kommode und küsste uns ab. Dann stellte er uns den beiden Jungs vor, die sich an die Beine von zwei blonden Frauen klammerten, die wie aus einem Guss lächelten. Der Onkel war mit Emily verheiratet, aber ihre Schwester Mia war vor einigen Jahren hergezogen, um mit den Kindern zu helfen. Der Onkel lebte in einer Art Kommune, wie M. sogleich erklärte. Er und die Zwillinge wohnten mit den Jungs im Haupthaus, etwa ein Dutzend andere Bewohner hatten ihr Quartier in den Gäste- und Dienerwohnungen etwas abseits.

M. führte mich auf dem weitläufigen Anwesen herum, während die Zwillinge das Dinner vorbereiteten. Hinter der Koppel, auf der Esel und Pferde friedlich bei einander grasten, floss ein Bach, über den eine kleine Brücke zum Weinberg führte, wo die Reben bereits Trauben ausbildeten. Wein werde bald die neue Währung sein, davon war ihr Onkel überzeugt, sagte M. Dutzende Hände schienen auch im Gemüsegarten und den Gewächshäusern tätig zu sein; sie zeigten uns mit unverhohlenem Stolz die Einkochküche, die riesigen Regale voller Gläser. Der Großteil des Vorrats aber werde tief unter dem Haupthaus gelagert. Bei den Teichen kam uns schließlich der Onkel entgegen, einen kleinen Rehbock im Gepäck. Den hatte er geschossen, kaum war er zwei Schritte in den Wald hinein gegangen, jammerte er. Leider sei das Wild durch die Zersiedelung der Bestände arg verhaltensgestört geworden. Überhaupt, schien mir, gestaltete sich der Kampf ums Überleben, ganz zu seinem Überdruss, etwas zu leicht.

redundanz

Beim Abendessen erläuterte der Onkel erst einmal umständlich die Wappen und Verwandten an der Wand, um dann umso energischer auf die Zukunft zu sprechen zu kommen. Man müsse vorsorgen: Aus der großen Stadt, er zeigte nach Süden, würden die Horden kommen, getrieben vom Hunger, wenn alles zusammengebrochen sei. Dann würde man all das bitter brauchen, was er hier aufgebaut habe, und die Leute würden ihm dankbar sein, auch wenn er natürlich nicht jeden aufnehmen könne. Je nach Lage könnte man entweder sich hier verschanzen und das Ganze aussitzen, oder aber ausrücken und so viel mitnehmen, wie man nur tragen könne. Der Onkel hielt Pferde, da er Automobilen nicht traute, und Esel, falls man die Pferde essen musste. Und sollte man seine Stellung überrennen, würden die marodierenden Banden eine Überraschung erleben, er habe einen Teil des Vorrates nämlich sicherheitshalber vergiftet.

So saßen wir am Tisch, der Onkel am Ende und dann in Spiegelfiguren die blonden Zwillinge und die Jungs. Wir, M. und ich, hatten uns jetzt also gegen alle Wahrscheinlichkeit wiedergefunden, wir wollten uns niederlassen, wussten aber nicht, wo oder was anzufangen. Müde waren wir vom Reisen, wir wollten unser Haupt niederlegen und uns von den Vögeln füttern lassen. Doch es ging immer nur voran, als wäre das Leben ein Satz, an dem sich Wort an Wort reihte und bis zum Ende wusste man nicht, wohin sich die Syntax wenden würde. Nach einigen Tagen dann nahmen wir Abschied, winkten, bis wir außer Sichtweite waren. An der Grundstücksgrenze ließen wir die Esel laufen und trugen unser Gepäck wieder selbst, weiter in die ungefähre Richtung hinein, die uns noch am vertrautesten erschien.

Notlicht.

Nun sitzen wir fest, in einem Hotel an der Grenze, hoch über den weißen Klippen. Nachdem ich dann an Land gegangen war, hatte ich M. bald gefunden, bei ihren Verwandten in dem großen grauen Haus. Wir blieben ein paar Wochen, machten uns schließlich zur Küste auf. Grün flackert jetzt das Notlicht über dem Bett, der Rauchmelder prüft seine Funktionsfähigkeit, indem er regelmäßig piepst. Drei Mal die Woche ertönt der Feueralarm: Sirenen zerreißen die Luft, Rauchgranaten werden in den Flur geworfen, bis wir unter Tränen auf den Parkplatz flüchten, wo der Nieselregen uns die Augen wäscht. Manche unter uns scheinen in Warnwesten zu schlafen, andere gar mit Helm. Selbst bei Tage bewegen sich die Menschen langsam und mit blinkenden Lichtern versehen, unablässig Warnrufe gegen den Wind ausstoßend. Niemand weiß, was geschehen ist oder noch geschehen kann, oder ob überhaupt etwas geschehen wird; ob es besser ist, auf Stillstand zu hoffen oder auf Fortschritt.

Der Besitzer des Hotels hat sich angeblich schon lange über Nacht davongemacht, Gäste und Personal sind mittlerweile kaum mehr zu unterscheiden. Jeder hilft aus, wo er nur kann: Ich stehe in der Küche, M. müht sich damit ab, das Dach zu flicken. So halten wir den Betrieb aufrecht, ohne recht zu wissen, zu welchem Ende, wir sind zu beschäftigt, um uns damit aufzuhalten. Zu allem Überfluss wird das Hotel regelmäßig durchsucht: Man überprüft dann zwar gewissenhaft die Papiere, aber die Gesetze und Bestimmungen ändern sich so rasch, dass Verstöße festgestellt und im gleichen Atemzug wieder verworfen werden. In gelassener Ratlosigkeit fragen wir: Wann werden auch wir auf den Gleisen in den Tunnel hineinwandern, wann werden wir auf einer Fähre übersetzen? Halten wir aber abends von den Klippen Ausschau, beobachten wir: Die See ist ein Fest von auf Grund gelaufenen und noch dahintreibenden Schiffen; Menschenmassen drängen sich zum Hafen hin, dass es eine Schande ist.

So stehen wir also nach unserem Tageswerk auf den Klippen, Nordlichter leuchten rot am Himmel, regungslos liegt das Meer. Wir lesen die Zeichen, lassen uns hineinfallen in die hellen Nächte, in denen niemand schläft, wo selbst die Sterne sich unruhig wälzen. Jeden Morgen erreichen uns neue Gäste, Durchreisende, die sich einrichten, wie man sich in Sterbezimmern einzurichten pflegt. Wir aber halten die Stellung, M. pfeift eine Melodie, das Nordlicht wechselt ins Grünliche, doch so müde sind die Menschen, dass sie sich nicht mal mehr die Mühe machen, darüber ein Lächeln vorzutäuschen. Ich träume mit weit aufgerissenen Augen, mit dem Hotel auf die Wellen hinab zu schweben. Noch aber stehen wir hier, wir warten auf etwas am Horizont, wir vergraben die Finger im Gras, Lichterketten irren durch die Dunkelheit, der Herzschlag des Tages setzt kurz aus, auch unser Hotel löst sich langsam, leise ab vom Boden.

notlicht