Katarakt.

Seit Wochen schon sinkt der Wasserspiegel, die Überfahrt wird waghalsiger von Tag zu Tag: trübe zieht der Strom fort in die Ebene; die Felsen des Hackteufel, die sich sonst friedlich im Bett verbergen, klaffen jetzt aus dem Fluss wie riesige Zähne. Von den verdorrten Hügeln ringsum bannen die Menschen das Geschehen in Bilder. Aber alles Staunen hilft nicht, wir müssen den Fährbetrieb ja fortsetzen. Man will im Allgemeinen weiter von einem Ort zum anderen, so überflüssig das dem Einzelnen auch scheinen mag. Die Brücken sind zwar endlich neu errichtet, nüchterne Gerippe aus Stahl, aber man misstraut ihnen mehr noch als dem schwanken Kahn, den M. elegant von Ufer zu Ufer gleitet lässt.

Die ersten Fahrgäste am Morgen sind drei dunkle, haarige Gestalten; der erste trägt eine Sonnenbrille so finster, dass er fast blind ist; aus dem Kopfhörer des zweiten wummern tiefe Bässe. Der dritte schließlich hat sich in sein Kaugummi verbissen, kaum bekommt er die Kiefer auseinander. Sie drücken uns stumm Münzen für die Überfahrt in die Hand. Ich rudere los, mein Auge fixiert die Anlegestelle gegenüber, aber wir treiben immer weiter ab, eine unsichtbare Strömung hat uns erfasst; M. versucht ihr in kreuzenden Bewegungen zu entkommen. Doch so sehr M. auch am Steuer reißt, so heftig ich auch rudere, stur hält der Kahn auf die Felsen zu. Als wir dann endlich auf den Granit geworfen werden, schaukelt der Kahn wild hin und her, Wasser dringt ein; die Kante hat den Bug aufgerissen.

Wir sinken langsam – für die stillen Passanten am Ufer vielleicht sogar mit einiger Würde – in den Wellen, M. klettert wie ein gewandtes Tier auf den Felsen, schon hat sie mich an einem Tau emporgezogen. Da erinnern wir uns an die Passagiere, die regungslos den Blick ins Nirgendwo gerichtet dastehen; M. wirft ihnen die Rettungsleine hin, doch sinnlos gleitet das Seil ins Wasser. Niemand reagiert auf unsere Rufe, niemand antwortet, nur der Bug scheuert am Felsen wie knirschende Zähne in der Nacht. Plötzlich, wie vom Kaschelott verschluckt, sind Kahn und Passagiere im Fluss verschwunden. Das tosende Wasser nimmt uns den Atem, mit geschlossenen Augen harren wir aus, Rücken an Rücken, und warten still auf Rettung.