Eiszeit.

Am Morgen nach unserer Rettung strahlt eine kalte Sonne auf die Altstadt hinunter wie auf einen Spiegel. Die Straßenzüge am Fluss sind über Nacht in Eis erstarrt; nur die Giebel ragen noch unter der Decke hervor; das Eis verbindet die Dächer wie eine Brücke über den üblichen Abgrund. Nach dem anfänglichen Schrecken hieven die Wirte ihre Tische durch die Dachfenster und fangen an reichlich auszuschenken, heiße Schokolade an die Kinder, die auf Schlittschuhen daherkommen und deren Lachen so ansteckend ist, dass bald die ganze Stadt auf Kufen unterwegs ist.

Wer keine Schlittschuhe hat, bewegt sich breitbeinig mit kleinen Schritten fort, vielleicht noch gestützt vom nächsten; vorsichtig setzt man den Fuß auf, leicht nach vorne geneigt, balanciert immer wieder neu den Schwerpunkt aus. So fahren und watscheln die Menschen in kleinen fröhlichen Gruppen auf dem Eis zwischen den roten Dächern umher. Man breitet Picknickdecken auf den Ziegeln aus. Andere rasen im Schlitten den Hang zum Fluss hinunter, auf dem Eisschollen treiben, andere vertrauen dem Zickzack auf Skiern. Der Duft von Glühwein und Waffeln weht hinüber zu unserem Fenster, der Klang eines Akkordeons.

Nur eine kleine Gruppe von Spaziergängern scheint den Schlittschuhen nicht zu vertrauen; mit roten Gesichtern, starren Mienen und rudernden Händen stürzen und stolpern sie übers Eis. Mit jedem Schritt, zu dem sie ausholen, steigt erneut die Gewissheit in ihnen auf, dass ihre Sohlen sie schon tragen werden, nur um dann erneut keinen Halt zu finden; sie rutschen aus und verkeilen sich in einander zu bizarren Figuren. Zunächst hilft man ihnen auf, bietet ihnen Schlittschuhe, Rat und vielerlei mehr an, damit sie sicher übers Eis gehen können, doch das bestärkt nur ihre Gewissheit, es selbst am besten zu schaffen, sodass man sich schließlich darauf beschränkt, sie mit großen Besen aus dem Weg zu kehren; wie erschöpfte Krabbeltiere liegen sie am Straßenrand.

Es taut langsam, zu langsam für jedes menschliches Auge, das überhaupt blind ist für die wesentlichen Bewegungen; die Eiskristalle verwandeln sich unmerklich in Tropfen. Das Eis senkt sich ab, bald zum zweiten, dann hinab zum ersten Stock, zuletzt bis aufs Pflaster, wo es ganz verschwindet. Der Fluss setzt sich krachend in Bewegung, die Menschen schnallen die Schlittschuhe ab, Kinder rennen lachend in den Gassen. Die Fassaden der Häuser leuchten frisch gewaschen. An den Schaufenstern entlang tasten sich manche auf unsicheren Bahnen, in schwankendem Schritt, die Gesichter rot und hart, wie Insekten, die vom Frühling überrascht werden, und die sich erst an alles Warme, an die Bewegung der Welt und an alles, was außerhalb der Kerbe, in der sie sich verkrochen hatten, gewöhnen müssen.

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