Nagelprobe.

Es genügt nicht, den Becher halbherzig bis zur Neige auszutrinken. Wenn du ihn stürzt, das Gegenüber fest im Blick, darf kein einziger Tropfen den Daumen benetzen. Das ist das erste, was ich von M. gelernt habe: was es heißt, sich ganz zu geben, Haut und Haar. Wer auch nur den letzten Rest zurückbehält, bringt sich um alles. Dabei hat es mit M. so harmlos angefangen: aus dem Urlaub schreibt sie eine Karte an die Küche, in der ich damals arbeite. Sie sitzt am Rand der Welt, lässt die Beine baumeln und schreibt eine Postkarte an ihr Restaurant, wo sie jeden Montagabend isst. Wochenlang starre ich die Karte an, die an den Kühlschrank gepinnt ist, dann spreche ich sie an.

Das also ist der erste Beweis meiner Zuneigung, als ich dem Mädchen M. das erste Mal dann Angesicht zu Angesicht gegenübersitze. »Wir trinken super naculum«, sagt sie und hebt ihr Glas. Ich frage mich manchmal, was geschehen wäre, hätte ich nicht alles wie ein Irrer in mich hineingestürzt, in dieser langen Nacht in der Kneipe. Wer jung ist, kann einiges ab, er ist elastisch; erst die Müdigkeit, die mit den Jahren kommt, macht einen mürbe. Wie ein Baum wächst, so schwindet umgekehrt der Mensch: mit jedem Jahresring wird man nicht stärker, man wird dürrer, und mit jedem Sturm, jeder Flut wächst die Gefahr. Doch zwischendurch gibts Rettung, Melonenschnaps und Wein.

Dann, am nächsten Morgen, ist sie wie auf See verschollen, niemand kennt sie; ich frage in der ganzen Stadt herum, vergebens, niemand hat sie gesehen. Ich zweifle an meinem Verstand: »Paul Fehm«, sage ich mir, »du hast zu viel gebechert, du hast Erinnerungen, die erfunden sind, die zu gut erfunden sind, um wahr zu sein.« Der Regen prasselt unablässig ein auf die Welt, ich warte, dass sie aus dem Nichts auftaucht. Montag folgt auf Montag, und kein Land in Sicht. Doch ich klammere mich an die Karte, die seelenruhig in der Küche hängt und halte den Kopf über Wasser. Und dann, wahrhaftig, eine blaue Stoffserviette um die nassen Haare geschlungen, sitzt sie am Tisch, und ich trinke ihr Lächeln bis auf den Grund.

12 Kommentare zu “Nagelprobe.

  1. Ja, die Magie der möglichen Welten! Ich denke, jeder, der selbst Erfundenes, mithin Literarisches, schreibt, wird diesen Zauber schon einmal erlebt oder verspürt oder zumindest erahnt haben. Und in der Tat ist es die Nagelprobe, ob die Erfindung vollständig und restlos erfolgt, oder ob etwas – und mag es auch nur ein kleines bißchen sein – danebengeht und so letztlich alles ruiniert.

    Das „heilignüchterne Wasser“ (Hölderlin) – es ist zu kostbar, um es zu verschwenden!

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  2. Hallo Paul Fehm, der Text gefällt mir. freue mich, dass ich per abo immer wieder was von dir lesen kann. ohne Arno Schmidt und die letzten Bewunderer wären wir wohl nie aufeinander gestossen. Ich schreib zwar viel, aber nur noch für die Schublade, alles so ein polit und cultural studies kram … aber deine gelegentlichen Texte les ich irgendwann immer, sind wie ein Fenster in eine andere Sicht. die tut mir gut. zumal ich sonst so ein Politthriller- und Sci-Fi-Leser bin und mich ausser z.B. Doris Lessing aktuell nur wenig anspruchsvollere Literatur erreicht. Die kurzen Blicke aus deinen Fenstern lassen mich manchmal rätseln, laden manchmal zum entschlüsseln ein, und wenn ich einen Blick mal so einfach nachvollziehen kann, dann freue ich mich und goutiere die Beschreibung.

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