Erbteil.

Wie gerne würde ich M. einmal in Ruhe betrachten, sie aber liegt begraben unter Kissen. Das Licht steht grell vorm Fenster. Es ist Neujahr, die Nacht steckt uns in den Knochen, alles ist flau und ungefähr. – Langsam erst formt sich wieder, was ist. Der Termin beim Notar steht an. Ich denke an die großen Augen des Freundes, als ich ihm von der Erbschaft erzählt hatte. Wir waren uns zufällig auf dem Maskenball über den Weg gelaufen. Er ist auch nicht mehr derselbe, sogar etwas ärgerlich war er, mich zu treffen, wie man zurückschreckt, wenn man etwas schon lang Abgelegtes, Abgetanes in einer Schublade entdeckt. Er hatte sich in einen schlechtsitzenden Smoking gezwängt, mit eingehakter Fliege. Die fremde Frau an seiner Seite, bemühte er sich um Haltung.

Irgendwann starren wir alleine von der Terrasse hinab ins Tal, wo Nebel vom Fluss herauf dampft. Voll vom Buffet, zwei Glas Champagner auf der Brüstung, überspielen wir die Scham, was aus uns geworden ist, und ich erzähle meinem alten Freund schließlich von der Erbschaft: M. hat einen Brief von den Zwillingen bekommen, ihr Onkel ist seinem Kampf ums Überleben erlegen. Was genau im Chateau vorgefallen ist, muss ungeklärt bleiben, man hat ihn im Wassergraben morgens aufgefunden. Es stellte sich heraus, dass er auch für M. vorgesorgt hatte. Ein beträchtliches Vermögen soll auf sie übergehen. Der Freund schüttelt nur den Kopf und ist kaum zu beruhigen.

Dann verschlang uns wieder die Zeit. Diese Nacht, hier im bunten Park, waren wir noch einmal jemand anderes. Doch jetzt gleiten wir hinüber in andere Tage. Was soll man in diesem Leben anfangen, dass man nichts hinterlässt als Last, nichts an dem jemand Anstoß nehmen könnte, man muss die Dinge in Zaum halten, als wäre man schon fort und die Tür ins Schloss gefallen. – Ich sehe ihr Haar, den schweren Atem, ein nackter Fuß ragt aus der Decke, dann treibt ein Arm nach oben, der tastend mich näher zieht, man hat keinen Begriff für die eigene Not, man steht im Nebel, im Licht.
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3 Kommentare zu “Erbteil.

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