Marsch.

Viele Jahre waren schon ins Land gegangen und meine Hoffnung hatte sich fast zur Gewissheit verfestigt, da erhielt ich doch die Order. Ich wurde an die Front verlegt, wo ich dann alsbald vergessen war. Es verhält sich nämlich folgendermaßen: Einmal angekommen, ist es untersagt, Heimaturlaub oder gar Versetzung zu beantragen, ohne dass man zuvor zumindest eine Heldentat begangen hat. Hier aber war nur Welt ohne Ende, kein Feind ließ sich finden, an dem ich mich hätte beweisen können.

Zum Nichtstun aber bin ich nicht geboren. Ich wetzte meine Messer, ich stählte meinen Blick. Den ganzen Tag schweifte ich umher, die Grenze auf Patrouille umspielend, hielt Ausschau und suchte nach Marken in der Landschaft. Wenn das Auge nichts fassen kann, legt sich dir schwarzer Schwindel vor den Blick, saugt es einem glatt die Schwerkraft aus den Stiefeln. So zog ich unsichtbare Fäden durch die Ebene, verband hier den Verschlag mit der zerzausten Pappel dort oder das Glitzern des Grabens mit dem verrosteten Schlagbaum.

Viele Jahre verbrachte ich verschollen an der Front, keiner erinnerte sich, keiner rief mich heim. Die Feinde hatten sich tief ins Niemandsland zurückgezogen. Und ich setzte einen Fuß vor den anderen, durchmaß beharrlich Wiesen und Wälder. Niemand bot mir die Stirn, nichts bremste meinen Schritt. Bald waren meine Marken, war der Verlauf der Front verschwunden. Wo aber waren die Feinde, an deren Leibern Halt zu finden wäre? Wo war meine mir in die Hand versprochene Heldentat? Nur das wusste ich gewiss: Solange das Herz mir gehorsam war, solange würde ich auf meinem Posten bleiben.

marsch

Meine Texte bald auch in der StoryApp

Theatrum mundi.

Da fällt ein zacken
aus der krone nacht –
es ist das fallbeil
unserer liebe
der blitz der leiber
der die nacht entzweit

es ist dann der kaffee
der kalt wird in deiner tasse
das ewige prasseln der dusche
dein gesicht dann das die zeitung
beiseite schiebt wie auf der bühne
wieder sich der vorhang hebt

für unser spiel aufs ganze

theatrum mundi

Du liebe Zeit, es regnet Verse.

Ja zum Jammern
(nieder mit dem Nein)

was sonst macht uns menschlich
unterm Gestank der Sterne

wohin wir flüchten der Hase
Hoffnung ist schon da

wie über Nacht sind wir
der nackte Nordstern und ich
sind wir beide in die Jahre

gekommen schweigsam und weise

sind nichtig wie der Stein
ehe einer ihn doch wer und wie
mit letzter Kraft dann

doch zum Himmel hebt

regnet

Elegie am Scheideweg.

Heute nacht hab ich ein pferd gestohlen
und musste es alleine stehlen
war auf mich gestellt und ganz verloren:
und weiß nicht ein und weiß nicht aus

aber schau: du warst nicht da
ohne dich kann ich keine pferde stehlen
ohne dich da bin ich nur ein dieb
verloren in der weiten nacht

jetzt aber stehe ich dumm da
vor einem stall im nirgendwo:
die sterne sind gewiss sehr schön
doch wird das nur wenig helfen

ich hab die hand am halfter
das pferd es schnaubt und schüttelt
sein halbseidnes haar: ungeduldig ists
und arg verschlafen im huf

in der stunde meiner not wo licht
verlassen in der nacht hinwiegt
warum warst du nicht da sag mir:
was tun mit ross und reiter

dann endlich sitz ich fest im sattel
auf der erde: das pferd aller lasten frei

wiehert in der schwarzen nacht

elegy

Licht, Scheffel.

verwegeneich muss dich warnen
verwegene
wo führt das hin

siehst du nicht
die elstern sammeln sich
schon auf den dächern

wie gehst du deine wege
leicht und lächelnd
wo ist deine angst
und wo die hast

verwegene
ich bitte dich verbirg
was glitzert in dir

man will es dir rauben
das leuchten der augen
deine hellen hände

lass deine schwäche für das licht
nicht sehen ich bitte dich

warnen will ich und rufen
und verstumme vor dir
verwegene

und vergesse gar zu flüchten

Liegenschaft.

Ein Nachbar hat mir sein Haus hinterlassen. Niemals zuvor hatte ich es betreten, seit mehr als fünf Jahren schon war er jetzt verschollen. Hoffnung, dass er wieder gefunden werden könnte, besteht nicht, nun fiel das Haus mir zu. Wände weiß und blank, Möbel, verloren in den leeren Räumen. All seine Habe hatte er heimlich weggeschafft, den Schlüssel stecken lassen. Ich erinnere mich an den Abend, als man bei mir klingelte und sich erkundigte. Doch hatte ich mit dem alten Mann nur gesprochen, was man zwischen Tür und Angel, im dunklen Lärm der Straße, eben so abtun kann.

Nun ging ich durch die im Licht schwimmenden Zimmer. Wie Schnee hatte sich Staub auf einer Kommode gesammelt. Ich zog hier und da, weniger aus Neugier, mehr aus Verlegenheit, eine Lade auf. Die meisten Schubladen waren leer, nur im Schreibtisch dann fand ich Dutzende leere Hefte, die Blankoseiten zerlesen, als hätte jemand ausführlich darin geblättert. Ich legte sie auf den Tisch, um sie später vielleicht mitzunehmen.

Da stand ein Mann im Türrahmen. Er entschuldigte sich für sein Eindringen und stellte sich als Bruder meines Nachbarn vor. Er wolle nur noch einmal durch das Haus gehen, sozusagen Abschied nehmen, das sei alles. Als er den Stapel von Heften sah, seufzte er auf. Ich könne mir keinen rechten Reim darauf machen, sagte ich. Die Hefte seien offensichtlich in Gebrauch gewesen und doch sei anscheinend niemals etwas in sie hinein geschrieben worden. Oder vielleicht unsichtbare Tinte? Ich hielt probeweise ein Blatt gegen das Licht.

was-bleibt

Nein, das sicher nicht, sagte er da. Ich müsse wissen, dass sein Bruder auf seine alten Tage hin irgendwann nur noch bestrebt gewesen sei, den Kreis seiner Existenz mehr und mehr einzugrenzen. Er habe ihn oft gesehen mit diesen Heften, da hatte er aber auch schon alle Bücher weggeschafft und lange aufgehört, zu schreiben. Und gleichwohl habe er in den Heften seine Gedanken aufgezeichnet. Das sei seine Art gewesen, zu schreiben, ohne zu schreiben, nun würde er vielleicht leben, ohne zu leben, wer wusste das schon.

Ich nickte fragend und nahm die Hefte an mich. Kaum konnte ich sagen, ob mein Nachbar nun das Ebenbild seines Bruder war, oder ob er ihm überhaupt nicht ähnelte. Er stand am Fenster und sah zum Hof hinunter. »Was wird nun mit dem Haus geschehen?« – »Was werde ich schon tun? Ich öffne die Türen und die Fenster, der Wind wird das Dach forttragen, die Tiere in den Nischen nisten und wühlen, bis kein Stein mehr auf dem anderen liegt. Das wäre in seinem Sinne, meinen Sie nicht?«

Den 20.

Immer im Januar, da frage ich mich, was tun. Durstig bis in den Schlund, das Gebirge der Stadt vorm Fenster und schneeblühende Gassen, garniere ich in der Enge meiner Küche die Speisen. Blüte um Blüte platzierend, frage ich mich in der Ecke beim Ofen, was geschieht. Was wird meine Zukunft, diesen vielleicht gewaltigen Irrtum, besiegeln? Dann ist mir wieder, wenn ich die Brücke betrete, die der Schnee saufende Fluss sich aufgeworfen hat, als ginge mir jemand langsam entgegen, mit dem aufreizenden Schritt des Passanten, dem alles am Weg liegt, der jeder Begegnung aber ausweicht, der sich beständig umkehrt, vielleicht vom Glück oder anderen Mächten verfolgt.

Immer wieder im Januar, wenn der Tag schon zur Neige geht, will ich zwischen Ja und Nein dem Hunger einmal Luft machen. Es ist ein ganz unbegreifliches Hungern, das man mit ausgestrecktem Arm vor sich herträgt, der Teller wird still zum Tisch getragen und durch die Tür dringt das Lachen. Es schwinden, es fallen meine Stunden jahrlang ins Ungewisse hinab. Dann stehe ich also am Fuß der Brücke und fasse mein Gegenüber ins Auge, bis er vor dem unflätigen Geschrei endlich die Flucht ergreift. Sein Rücken aber ist die Nebelwand, die das weiße Tal verhüllt.

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