Wohnzimmer.

Daheim aber kann man nicht wohnen, dafür muss man ausgehen. Ich wandere nach der Arbeit durch die Gassen, bis Dämmerung einbricht. Dann geht ein Aufatmen durch die Stadt; es fallen Lasten ab, von denen der Tag nur dunkel ein Bewusstsein hat. Endlich kann ich in mein Wohnzimmer einkehren, das etwas versteckt beim Marktplatz liegt. Nur hier existieren der ewig blasse Leser in der Ecke, die Dichterin im blauen Kleid am Tresen, der Alte auf seinem Logenplatz. Niemals sieht man sie in den Gassen, sie sitzen immer schon da, rauchen und trinken Merlot. Wie freundliche Geister sind sie an einen Ort gebunden, und dieser Ort ist mein Wohnzimmer.

Hier klage ich M. mein Leid. Man will mich aus der Küche werfen; ich soll den Geschäftsführer vertreten, der sich eine Auszeit nimmt. Gutes Personal ist schwer zu finden, und so soll fürs erste ich das Restaurant leiten, Schürze gegen Anzug eintauschen. Die Vorstellung amüsiert M. sehr. Und denke ich an das Chaos daheim, muss ich ihr beipflichten. Es sind die kleinen, zermürbenden Dinge des Alltags, denen ich beharrlich aus dem Weg gehe. Und so sitzen wir noch lange unter rasenden Philologen, brütenden Philosophen, freundlichen Anarchisten und räsonieren. Nur in fremden Räumen lässt sich denken, und vielleicht lassen sich ja auch nur die Angelegenheiten anderer Menschen wirklich lösen, flüstere ich vor mich hin, als die kalte Luft den Zigarettenrauch schon langsam abwäscht.

Es sind viele fortgegangen, deren Namen mit ihnen verschwunden sind; in meinem Gedächtnis sind die Gesichter kaum noch ein Echo. Und andere sind verwandelt wiedergekehrt, wie mein Freund L. als ein anderer zurückgekommen ist. Der Gedanke an Flucht ist das einzige, was mich noch bleiben lässt, denke ich manchmal; die Angst vor der Enge der Stadt und die Feigheit vor der Flucht halten sich die Waage. Mich hungert bei der Arbeit im Restaurant, das Haus am Hang steht verlassen, auch M. ist von einer großen Unruhe ergriffen. Wir sitzen am Marktplatz und trinken Kaffee, die Stunden lösen sich auf, langsam verebbt das Treiben, Wagen rauschen hinweg, wir wechseln zu Wein.

So verabschieden wir uns, ohne zu wissen, ob wir wirklich gehen, von den Tauben auf dem Pflaster, vom Läuten des Glockenspiels, von der roten Ruine, vom Wind, der den Fluss aufwühlt. Die ganze Nacht sind wir vielleicht ein letztes Mal unterwegs, verabschieden die Kneipen, die Bibliotheken und Seminare, die leuchtenden Gassen und den singenden Wald. Wie wäre es, woanders Anker zu setzen? Weit entfernt von all den Erinnerungen, die uns hier zu ersticken drohen, fern von den eingeschliffenen Bahnen, die den Tag vorzeichnen. So wenden wir alles hin und her und schwärmen, bis ringsum die Stadt ruht und wir wieder in geschäftige Träume finden.