Titel.

Vielleicht ist es verrückt, dem Glauben zu schenken, der König zu sein, aber dümmer noch, sich nicht dann doch überzeugen zu lassen: Die Krönung war ein großes Theater gewesen, mit Niederknien und lateinischen Formeln, ein Spektakel für das hungrige Auge des Himmels, ein Aufschreien und Jauchzen, Gold und Rauch und Übermut. Du nimmst all das entgegen und doch bleibt es eine einsame Rolle, die es zu spielen gilt, und nur, indem man sie gut spielt, ist sie zu ertragen. Noch in den Augenblicken unheimlichen Triumphs frage ich mich, wer etwas so Wildes von mir verlangen könne, jemand zu sein, der ich nicht bin.

Wenn es endlich stiller wird, entkomme ich den Dienern und Wächtern, flüchte ins Herz des Palasts, in jenen Raum, ein grandioser Platz ausgefüllt mit meinen Statuen und Abbildern, riesenhaft und zahlreich. Dort stehe ich und drehe mich unaufhörlich um die eigene Achse: wie verdiene ich es denn, geliebt, gefürchtet, bewundert zu werden? Wie unendlich nackter müssen die anderen sein, wenn sie willens sind, meine zum Himmel schreiende Nacktheit zu übersehen? Die Standbilder aber schweigen. Der Betrug ist lange durchschaut und ich werde doch mächtiger mit jedem Tag. Es ist eine vielleicht freundliche Täuschung, und man kann sie umarmen wie eine Schwärmerei auf dem nächtlichen Weg nach Hause, ohne Gefahr und voller Träume.

titel

Niemand kann wissen, wie lange ich schon dort gesessen habe, den Kopf in den Händen begraben, ehe sie mich schließlich findet. In der verlassenen Dining Hall habe ich den König angestarrt, Zepter und Krone ganz im Schwarz verschwunden, bis mein Schädel langsam auf die Tischplatte gesunken war. Wir hatten heute Abend meine Ernennung zum Küchenchef gefeiert, alle Reste des gestrigen Gelages aufgetrunken. M. weckt mich lachend in der hell erleuchteten Halle meines Ruhms. Ich fasse mich rasch, stemme mich dann gegen das knarzende Tor hinaus in die Nacht, wo sich die Sterne still verneigen. Wenn ich nicht irre, geht ein gnädiges Lächeln durch die Frühlingsluft. Der Turm steht da, wie in den Winkel des Hofs hineingefallen.

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Mit leeren Händen.

snow

Alles liegt da ohne Augenschließen: lange schon wandern wir durch die weiße Nacht. Zu Nestern geballt schlafen Krähen in den Weiden. Mond und Milchstraße leuchten gleichmäßig die Wege aus. Ringsum hat sich die Not in stillen Wehen aufgetürmt. Regungslos und ohne Atem erwartet man Hilfe. Ungeduldig blickt man zurück in die aufgeworfene Zukunft, in der niemand kommt. Der Schnee ist salzig, er ist süß. Tiefer graben sich die Spuren ein mit jedem Schritt, zwischen steifen Fingern weg rinnt die Zeit.

Das Jahr war einmal im Kreis gegangen. Wieder waren die Bänke gefüllt, man schrie an und sang gegen den Wind, stand auf und setzte sich im Wechsel. Aufblitzen der Flocken im Sonnenschein: Schwer aber ruhten die Wolken bald auf dem Gebälk. Es war, als ob die Versprechen immer rasender wurden, flüchtig wie das Licht, ohne dass sich jemals etwas greifen ließ. Dann das Ratschen und Rasseln müder Hände. Mit der Dämmerung schließlich hatten sich die Tore in hellste, endlose Nacht geöffnet. Wie mit weißem Besen war die Welt gefegt.

Dann endlich löse ich ganz klamm die Fliege, schleppe einen Korb Briketts den Keller hinauf. Sie ist ein Schatten am blassen Fenster, kein Vorhang kann den Mond heute lindern. Es geht uns gut, flüstere ich in ihre tauben Hände, andere müssen wachen heute Nacht, wir aber müssen nur ausharren, uns hart machen, die Hoffnung fahren lassen und lebendig sein, was bleibt uns mehr. Und sie legt das heiße Gesicht in meine Hände. Dann ruhen vom Ruß gezeichnete Körper vor dem toten Kamin: In uns aber brennt es wie Honig.

Hungerschlaf.

Wenn ich dann wieder, nach einem endlosen Wintertag, im Königswasser bade, wenn die Wärme meinen Körper flutet, wundere ich mich, wie wäre es, jetzt endlich Ernst zu machen – was will ich schon, als nur stundenlang am Fluss entlang zu gehen, dem braunen Wasser, den Weiden – wie wäre es, die Last des Alltags endlich zu scheiden von jener lichten Schwerelosigkeit, Glitter und Tand von dem, was das Wirkliche heißt – und einmal dieses ewige Verklammen, das fahle Träumen ganz zu lösen –

Wie wäre es, wahrhaft wach zu sein – und ganz in dieser zweiten Welt zu wohnen, wo man das Füllhorn einmal ganz ausschütten könnte – wo ich endlich meiner Existenz die Krone aufzusetzen wage, um zu sein, was ich hier niemals sein kann – wie ein Schauspieler, der leichtfüßig die Probe verlässt – diese Welt, wo mir das Herz schlägt bis zum Hals, wo ich bei dir bin, satt und voll von Licht, wo selbst die vierte Wand noch eingeschlagen ist – wo kein Zaudern, kein Zögern auf Parkett und Bühne –

Noch aber nichts als Hunger, Nieselregen, stapfst du alleine durch den Schlamm, rauchen die Feuer des Februars grau am Weg – und das Badewasser läuft ab, zieht dir gleichgültig das Blut aus den Fasern, Hunger und Schwere – wie aber wäre es, schwerelos, der Vorhang selbst zu sein, irgendwann, doch wohin, gehoben zu werden, zu schweben – und ich taste dann mit goldenen Händen deinen dunklen Schlaf, zu dem, was mich forttreibt, einmal noch den braunen Fluss entlang und Weiden in der Dämmerung –

hungerschlaf

Transit.

Nach der Sicherheitskontrolle saß ich in der Falle. Woher sollte ich auch wissen, ob ich den richtigen Durchgang gewählt hatte: Die Türen stehen alle offen, hatte man gelockt. Nun aber verschärfte sich mein Zögern und Zaudern an jeder Ecke, an jeder Abzweigung im Labyrinth. Seit Stunden schon tastete ich mich alleine in Dunkelheit und Leere die Fluren entlang. Gestalten traten aus dem Schatten, nahmen mich mal beruhigend an die Hand, mal zerrten sie an mir von allen Seiten zugleich.

Sie können jederzeit gehen, hatte man mir an der Kontrolle versichert, nachdem mein Pass nur oberflächlich gemustert worden war. Aber nur derjenige, der nichts zu verbergen hat, der ganz mit sich im Reinen ist, nur der wird auch am Ziel ankommen können. Da forschte ich nach dunklen Flecken, erschrak, streifte zunächst die Kleider ab, zuletzt die Haut, löste dann das Fleisch von den Knochen, und hatte das Skelett zerrieben, ehe der Korridor mich schließlich aufnahm.

transit

Ich fand mich im Gewirr von Türen und Fluren nicht zurecht. Was wollten die Gänge mir bedeuten, wer hatte diese tyrannischen Wände und wozu bloß aufgestellt? Selbst die flüsternden Gestalten schwiegen. Im Halbdunkel war ich nur ein Schemen in den Glasscheiben, wie konnte ich da sicher sein, dass das wirklich ich war, wie sollte ich jemals zu einem Ende kommen, welcher war mein Weg, mein ganz eigener Stollen ins Gebirge getrieben?

So irrte ich fort. Bisweilen blitzte die Furcht auf in der Finsternis vor der Leere der Lichtung, vor der Weite des Raums, die sich im nächsten Winkel schon schlagartig eröffnen könnte. Auf allen vieren kroch ich weiter, wie um mein Fortkommen zu verlangsamen. Doch schienen die Flure zum Glück in immer kleinere Zimmer zu führen, bis man bald in einem anlangt, das ganz und gar aus Wänden besteht, um dann dort, verschont vom Licht, endlich still zu Stein zu werden.

Glanz und Gloria.

Da ich nun ein Fremder war in meinem Land, das nichts Fremdes mehr duldete, und als die Schlagzeilen über mir zusammenstürzten, musste ich die Flucht ergreifen. Schmutzige Riten griffen um sich und verfolgten mich bis in die wildesten Träume. Der Hass hatte seine geilen Finger im Spiel, man feierte die Schande, erst Platzregen und Knüppel trieben die Menschen von der Straße. Blankes Entsetzen beherrschte die Tagesordnung und bis zur Besinnungslosigkeit murmelte man die Versprechen, bis man sie beinahe zu glauben begann.

Und auch ich tastete mich mit rausgeschraubten Sicherungen durchs Leben. Vielleicht sollte ich meinem Sous-Chef morgen wirklich in den Schädel beissen, dachte ich in der Dämmerung, wenn der Lärm draußen mich wieder wach hielt. Im Halbschlaf gingen die Gedanken wildern, doch nichts geschah im Schlepptau der Tage. Dabei war an Bleiben, an Warten, nicht länger zu denken. Der Putz löste sich unaufhaltsam von der Decke, an allen vier Ecken rieselte der Altbau seinem Ende entgegen.

Ich flüchtete mich auf eine Insel, wo die Wellen ringsum mich beschützen würden. Meine Stellung hatte ich endgültig aufgeben müssen, und ging nun mit M. dorthin, wo sie Zuflucht zu finden hoffte. Es war ein ausgezeichneter Ort für einen Koch, das Essen war hier heilig. Meine Uniform gefiel mir gleich, der Kreuzgang im Nebel, der vom Fluss aufstieg, der dampfende Rasen. Wir richteten uns rasch ein. Bald war das Unbekannte, das uns jede neue Stadt verklärt, verflogen, bald klebte ringsum Erinnerung am Pflaster, wurden die Wege kürzer, das Viertel klaustrophobisch, die Augen stumpf und öde.

Dann wieder am Ende des Jahres war der Tag endlich gekommen. Vom goldenen Reif auf den Feldern, dem Aufriss der Weiden gegen den grauen Horizont begrüßt, den halb erfrorenen Obdachlosen in den Hauseingängen, machte ich mich ans Festmenü: Schottischer Lachs, rote Beete, Meerrettichrouladen, Pastinakencremesuppe, Italienische Wintertrüffel mit Apfel und Rübenchips, weiße Schokolade mit Kirschenmousse und Ingwerplätzchen. Nachdem all das notdürftig zubereitet war, atmete ich auf und stahl mich hinaus.

Von der Balustrade herab, hinter einer Säule verborgen, beobachte ich das Geschehen. Wie im Saal das Silber aufgetragen wird, man die Kerzen ansteckt, die Tannenzweige drapiert, die bunten Kronen aus Papier. Bald lässt die feuchte Kälte den Kristall am Tisch gefrieren. In den Pokalen klingen hell die Regentropfen, die rascher jetzt durchs Gebälk rieseln. Als dann die letzten Lieder aus der Kapelle verklingen, der Vorhang sich öffnet, kommen über den Hof die Schatten von Gewändern, M. inmitten, ihre leuchtenden Augen suchen mich, was sie finden, ist in Licht getaucht, heute würde das Warten einmal ein Ende haben.

glanz und gloria

M.emories.

m.emories

So ist es passiert. »Entschuldige, dass ich nicht rauche«, sagte M., und setzte sich auf meinen Schoß. Sonst war auch kein Platz mehr frei am Tisch. »Ich will nicht unhöflich sein.« Sie habe es zwar versucht, aber Zigaretten wollten ihr einfach nicht schmecken. Ich verzieh ihr das Unvermögen. M. war neu in der Stadt, sie wusste sich aber gleich zu benehmen. Ungefragt hatte sie uns Dornfelder bestellt und gleich am Tresen bezahlt. Wahrscheinlich war es schon in diesem Augenblick, dass mir der Gedanke gefiel, mich in sie zu verlieben.

Ich konnte meine Augen nicht von ihr nehmen, was ziemlich schwierig war, da sie die meiste Zeit auf meinem Schoß saß und ich nicht wie ein Irrer starren wollte. Sie bestand darauf, meine Zigaretten anzuzünden, ich blies den Rauch über ihre linke Schulter hinweg. Ich redete heillosen Unsinn und sie ließ es mich nicht merken. Dann irgendwann lächelte sie und sah mich an, als wollte sie damit sagen, dass sie mich ansah und lächelte. Es war ein magischer Abend, mit Schwestern und Brüdern für eine Nacht, und mit M. aus dem Nirgendwo.

Sie war aus gutem Elternhaus, mit den besten Manieren, von einer noch besseren Universität. Ich versuchte vergebens, sie zu beeindrucken, aber vielleicht gefiel ihr auch bloß die Art und Weise, wie ich mein Bestes verbergen wollte. Ich war ganz in ihrem Bann, nicht einmal sicher, ob sie nun landläufig schön war. Insgeheim ärgerte ich mich über meine blöde, wie irrsinnige Schwärmerei. Was wusste ich schon von ihr. Aber wie viel verrückter wäre es gewesen, sie später, unter dem Gejohle der Sterne, nicht zu küssen. Das also war unsere erste Begegnung.

Böse Blicke.

Dann, in der Dämmerung, sitze ich bei den Dämonen. Ich kletterte den Turm hinauf, hangle mich an den Wasserspeiern, an Hörnern, Bärten und Klauen entlang, niste mich schließlich ein in einer Nische zwischen den freundlichen Fratzen. Grimassen sind wir, Drachen, Affen, Monster aller Art. Hier ist unser Refugium, die letzte Zuflucht der Chimären. Auch diese Nacht wieder wird beherrscht von Übermut, es ist ein ewiges Necken, ein Jagen und Nachstellen. Ich kraule dem gurrenden Löwen die Flanke, der Hund zieht die Lefzen zurück, schnappt plötzlich nach dem Ziegenwolf, der panisch ausschlägt. Drüben wollen die Zentauren die Horde Affen abschütteln, der Faun zwickt den schlafenden Greif in die Schlappohren.

So ächzt es und stöhnt, es kracht und lärmt über den Dächern. Den Trinkern fallen die Würfel aus dem Bart, wilde Flüche steigen auf, als der Regen dann in Strömen kommt. Wir aber reinigen das Wasser, das vom Himmel fällt, lassen Blitz und Donner im Kanal verschwinden. Hier oben, allen abschätzigen Blicken verborgen, treiben wir unser Spiel. Unter uns der Marktplatz, wo sich am Brunnen gerade jemand in Ruhstand setzt mit einer Nadel bloß, wo die Schatten wanken. Sinnloses Spektakel im Schutz der Dunkelheit, das der kleine Affe spöttisch begleitet, bis die Sonne dann den letzten Stern auswischt.

Im Morgen gähnt drunten das Pflaster, blank und ebenmäßig. Die Kehrmaschine bürstet vor sich hin. Ein Rinnsal Unrat, Zigarettenkippen, Glas. Die Ratten flitzen in ihre Löcher zurück, als der Falke aufsteigt. Es entfaltet sich langsam die Geometrie der Schirme und Tische. Schwarz auf Weiß füllen sich die Tafeln mit Angeboten des Tages. Erste Besucher blinzeln gegen die Sonne, sinken auf die Stufen nieder. Der Brunnen ist schon stillgestellt und abgedeckt. Auch der nackte Leib, Stein des Anstoßes, ist im Museum hinter Glas verschwunden. Man hievt eben noch die frisch bescheinigten Leichen in den Lieferwagen, ehe sich der Vorhang ganz gehoben hat.

Die Bühne ist bereitet, doch steht der Drache senkrecht, regungslos in der Wand, auch der Ziegenwolf schnarcht schon, es ist kein Anblick für die Götter. Niemand macht sich drunten mehr die Mühe, sein Glück zu mimen, stur starrt man in seine Tasse. Die idiotischen Tauben drehen ihre Kreise zwischen den Stühlen. Man macht große Bogen um einander, duldet gerade noch die eigene Schwere. Das große Theater ist auf den Hund gekommen, ein schlampig inszeniertes Stück, und bald vergeht uns die Lust am Zuschauen. Nur der Faun tigert auf und ab, stürzt fast über die Brüstung, als er sich zu weit hinunterlehnt.

Der Faun, auf seine alten Tage hin nostalgisch: Es hat eine Zeit gegeben, da war man nicht zum Nichtstun verbannt gewesen. Nun aber scheint es, als ob der Turm mit jedem Jahr weiter in die Höhe wächst. Ein Glück, raunt der Greif. Bald werden sie auch uns abschaffen, die letzten Bilder des Lebens stürmen. Aber noch hüllt uns der Nebel ein, noch trägt der Wind unsere Verwünschungen ungehört fort in die Ebene. Doch nur ein verirrter Blick hinauf, ein erschrockenes Wort, und wehe uns. Da stützt auch der Affe den Kopf in die Hände, stiller werden wir, bewegungslos, mit leeren Augen erwarten wir das uns zugedachte Schicksal.

böse blicke