Überfall.

Mein Freund L. und seine Frau sind zurück; plötzlich klopfen sie an die Tür und bitten um die Erlaubnis zu leben. Sie lächeln nicht, sie sind erschöpft. Minutenlang stehen sie da, die Koffer in den Händen. Wir hieven die beiden die Treppe hoch, sie könnten auf den letzten Metern straucheln. Es ist noch nicht lange her, dass die beiden in die Heimat gefunden, ihr Haus dort wieder aufgebaut haben. Die letzten, hoffnungsvollen Briefe liegen noch auf dem Tisch im Flur; die Sonne ruht darauf, als wolle sie die verlorenen, goldenen Tage bannen. Was wir jetzt aus den zerbrochnen Erzählungen lernen, lässt M. und mich ratlos zurück. Das Leben ist einsam, armselig, scheußlich, tierisch und kurz.

Der Buchenwald wirft am Nachmittag schon riesige Schatten. Die alte Eiche hat sich ein wenig geneigt, der Sturm letzte Woche hat den Bach aufgewühlt und Teile des Hangs abgerissen. Wir inspizieren die Hütte am Hang, die L. damals gebaut hat. Sie taugt noch, wir befreien sie vom Efeu, bessern ein paar Ziegel aus. Die Esel lugen aus dem Wald und betrachten ruhig den Fortschritt. Als M. und C. die Brombeerhecken gestutzt haben, kommen die beiden mit gespitzten Ohren herangetrabt und schnuppern die neue Weide ab. Wir zimmern noch ein wenig Mobiliar zusammen, dann ist die Hütte eingerichtet. Aus dem Fenster sehe ich später L. eine Grube am Waldrand ausheben, er zieht eine lange Kiste aus dem Boden, er holt die alte Jagdflinte und ein paar silberne Pokale hervor, die in der untergehenden Sonne funkeln.

Wieder gehe ich mit C. in die Stadt, um Papiere zu besorgen. Wir müssen zum Amt, ihre Existenz bestätigen, was nach misstrauischen Fragen, Stempeln, Unterschriften, Versicherungen und Bezeugungen schließlich gelingt. Gleichgültig trägt sie die Papiere im Arm. Sie ist immer noch stumm, was praktisch ist, da muss man nicht so tun, als könnte man Dialoge erfinden für Dinge, die unsagbar sind. Wir sitzen abends schweigend vor der Hütte und sehen auf die blinde Ebene hinaus. Man hört rastloses Hämmern den Hang hinaufwehen, die Fahne flattert im Wind; ab und an raschelt es im Gebüsch, aber der Schrat ist ja schon lange verschwunden; er hat sich tief in den Wald zurückgezogen, wo das Dröhnen der Flugzeuge weniger oft zu hören ist.

Ich führe L. in die Kneipe, wo die Fremden sich jetzt nachts zusammenfinden. Sie breiten auf den Tischen aus, was sie mitgebracht haben und verzehren es still und nachdenklich, während sie langsam die Gläser leeren. Manchmal schreiben sie Flugblätter, auf denen Sätze stehen, die sie nur nachdenklicher und noch hungriger zurücklassen: Nicht die Soldaten sind unsere Feinde, nicht die Maschinen, die auf den Straßen rollen, die Maschinerie des Krieges ist es, der blindwütige Leviathan, der sich in den Trümmern windet.

Während L. in der Versammlung sitzt, gehe ich zum Marktplatz, steige auf den Turm der Kirche, berate mich mit den Dämonen. Der Löwe ist sich mit den Zentauren gleich einig; auch der Faun nickt. Man wisse viel über den Leviathan, aber immer noch zu wenig: Mit nichts lässt sich sein Leib, einmal in Bewegung, aufhalten. Unter dem ganzen Himmel sei keiner, der es gewagt hätte, ihm direkt zwischen die Zähne zu greifen; die sind, so sagt man, Lanzen und Schilde, derart eng gefügt, dass kein Lufthauch hindurchdringt. Flammen kommen ihm aus dem Maul, die Augen sind wie die Wimpern der Morgenröte. Seine Haut ist ein Panzer, auf dem die Angst tanzt; das Herz hart wie ein Mühlstein. Kurz gesagt, der Leviathan verachtet alles, was hoch ist, wie der bestirnte Himmel über uns oder der Mut, der in uns lodert in der Nacht.

11 Kommentare zu “Überfall.

  1. Pingback: Überfall. — ©Paul Fehm – Around the World

  2. Hoffnung ohne Illusionen. Klare Sätze mit Leerstellen für das, was nicht gesagt werden muss. Ein Quentchen Mythologie, ein wenig Aufklärung. Abendland. Europa mit der Abbruchkante im Osten.

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  3. Hobbes und Kant vereint im Untergang des Abendlands? Wahrlich, hier tun sich Abgründe auf! Mal schauen, ob, und falls ja, wer von den Beteiligten es wagen sollte in einen derselben hineinzuschauen – und ob ihm aus diesem dann nicht am Ende noch der Antichrist höchstselbst entgegenblickt!

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