Aufgabe.

Mein Freund, L. der Forschungsreisende, ist zu seinem alten Beruf zurückgekehrt. Es beginnt eine fieberhafte Jagd in den Bibliotheken der Stadt mit den wunden Fingern des Philologen. Der wilde Gedanke lässt ihn nicht los, dass es etwas zu finden gibt, versteckt in der Wüste von Buchstaben, in der Grabesstille der Regale. Seine Bücher waren mit der Zeit immer schmaler geworden, ehe L. das Schreiben dann ganz aufgegeben hatte. Aber nun hört man nachts das Klappern seiner Corona Sterling den Hang hinaufwehen. Es hat etwas Obszönes, bemerkt M., es klingt wie Gewehrsalven, so wie man sie hört, wenn am Königstuhl der Schützenverein schießt. Ich bitte um Milde und Verständnis für meinen Freund, denn halten muss man sich doch an etwas, man muss hinter etwas her sein, sei es auch das nächste beste, und nach Hoffnung haschen.

Und gibt es auch keine Rechtfertigung, so gibt es doch wenig Einwände gegen das, was mein Freund L. veranstaltet. Alle früheren Helden des Geistes lässt er jetzt links liegen, wie Freunde aus der Jugendzeit, an die man sich gerne erinnert, mit denen man den Umgang aber meiden muss. Es ist eine wilde Suche, die L. antreibt, und doch ist sie ruhig und systematisch. Am Ende bleibt nur die Apokalyptik, sagt L. eines Abends und hat damit vielleicht recht. Etwas ist passiert in diesen Tagen, wie ein Sturm, der aufgezogen ist, der sich aber nicht in Wind und Regen bemerkbar macht, der sich eher flüchtig zeigt im plötzlichen roten Licht, das den Nachmittag verdunkelt. Selbst die Uhr am Kirchturm ist erschrocken stehengeblieben und weigert sich blindlings fortzuschreiten.

Die Bücher werden also wieder aufgetan, Zeit und Stunde bestimmt. Das ist der Mensch: man nimmt ihm die Flügel, hebt ihn von der Erde auf, gibt ihm ein Herz. Der Unmensch aber frisst um sich und zermalmt, und was übrig bleibt, zertritt er mit seinen Füßen. Er hat Augen wie Menschenaugen und ein Maul, das redet große Dinge. Das Vergangene hat niemals ganz begonnen, schreibt L. nieder, und vielerlei Aphorismen mehr; Splitter wie: die Vergangenheit droht in der Nacht zu versinken, das Blitzen der Luftabwehr erhellt den Himmel: man behandelt Tote wie Lebende gleich, die Auslöschung muss vollkommen sein, oder: es ist noch alles möglich, ein trauriger Satz, ebenso: es ist alles wieder möglich, und: zwischen Trümmern sammelt sich Licht, in der Kehre: ganz in deiner Schönheit apocalyptica. – Mir scheint, L. ist sehr beunruhigt in seinen Gedanken, jede Farbe ist seinem Gesicht gewichen.

Bei den Recherchen zum Apokalyptischen Realismus steigt L. tief in die Archive hinab und durchblättert die Nachlässe der Gelehrten vor ihm. Mit leuchtenden Augen zieht er dann etwas aus der Tasche und zeigt es mir: es ist die alte, leider verwackelte Photographie, die den Ausschnitt eines Briefes seines großen Helden zeigt, auf der Rückseite ist mit Bleistift eine Umschrift notiert: Sie fragen, sollten wir, müßten wir diese Dinge nicht ENDLICH aus unseren Gehirnen (Herzen und Seelen) verbannen? – Ich antworte NEIN, denn 1) kann ich es nicht, 2) können wir es nicht, die Erinnerung ist da, ist immer da. Ein Mensch zu sein, das heißt mit dem Fluch der Erinnerung gesegnet zu sein. – Gesegnet!!! – Vergangenheit steckt in uns allen drin, ob wir wollen oder nicht. Zukunft gestalten können wir alle nur dann, wenn wir die Vergangenheit verwandeln. Das steht alles in meinen vier Romanen, die nicht gedruckt werden. Warnen, zur Umkehr aufrufen, das sollen wir, und einen Weg zeigen. Ich zeige den Weg in meinen 4 Romanen und in meinen Essays (die nicht gedruckt sind). – Diese Nacht bleibt es still, erst als die Vögel anheben, finde ich in Schlaf.

5 Kommentare zu “Aufgabe.

  1. Pingback: Textmuseum Inv.Nr. 006 – Härdöpfel in Mostindien

  2. Ein Text, der, wie ich finde, die apokalyptische Färbung geradezu in seinen Wörtern und Sätzen trägt. Hier wird Schreibmaschinengetippe „obszön“ und ist von „Gewehrsalven“ nicht mehr zu unterscheiden, und selbst die Kirchturmuhren bleiben stehen! Dazu prophetische Umschriften auf alten Photographien und Geistesblitze düsterster Art: „die Auslöschung muss vollkommen sein“.

    Beeindruckend!

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