Preisgabe.

Mein Freund L., der Forschungsreisende, hat ein Buch geschrieben; einen schmalen Band hat er sich abgerungen, nach vielen Jahren der Abstinenz vom Schreiben. Es wäre vulgär, angeben zu wollen, wovon die Schrift handelt; nichts als die alte Misere, nur eben in neuen Gewändern, des Büchermachens ist bekanntlich kein Ende. Das Manuskript liegt schon eine Weile beim Verlag zur Durchsicht; L. verwendet nun immer häufiger das Wort »verschollen«, wenn er davon redet. Die Kulanz bei diesen Dingen, so die landläufige Meinung, beträgt etwa die Hälfte des Zeitaufwandes, den das Schreiben mit sich gebracht hat, doch auch diese Frist ist bereits umstandslos verstrichen. Niemand wagt zu sagen, was die Säumigkeit des Verlegers verschuldet, L. wird hartnäckig vertröstet, so oft er auch sich und sein Buch beim Verlag in Erinnerung ruft. Es tröstet meinen Freund nur wenig, dass er sein – im Übrigen fast obszön hohes – Honorar bereits bekommen hat.

Die lange Wartezeit zehrt an den Nerven meines Freundes. Manchmal liest mir L. aus seinem knittrigen Durchschlag vor, nur um sich sogleich zu unterbrechen: »Abgerechnet, dass dieser Zug also ein Vorbote ist,« aber wovon?, »ist er auch dessen Gegenteil«; das ist doch irgendwo abgeschrieben, das habe ich schon einmal gehört, dann fehlt ein Übergang: »wie sich der A. R. in der Gegenwart verliert, kriecht er ihr in jede Pore«, aha, das Geschwätz geht sogar noch weiter: »Seine feine Verzweiflung reicht bis zur Heiterkeit«, und dann auf der Rückseite wird es vollends wirr: heißt es nun ›fruchtbringend‹ oder ›furchtringend‹, das ist gewiss ein Fehler, so kann das nicht stehenbleiben, und wie es dann erst weiter geht, da sind ja Lücken zwischen den Worten, die zum Himmel schreien; so zu schreiben, ist fast ein Verbrechen. – Die Blätter sind bald derart mit roten Anstreichungen übersät, dass es ein wahres Blutbad ist.

Der Marktplatz schwirrt von Tauben und Touristen, Kinder strecken ihre Füße in den Brunnen, die Cafés flirren in allen Farben. Ich treffe den Verleger, der nichts verlegt, im heiteren Gespräch mit C. an. Sie sitzen im Schatten der großen Kirche am Tisch wie auf einer Insel. Der Verleger ist ein großer, hagerer Mann, noch jung mit einem knochigen Gesicht. Erst vergangenes Jahr hat er den Verlag übernommen. Der Verleger lädt mich mit einer freundlichen Geste ein. Lächelnd verabschiedet sich C., das blaue Kleid schwebt davon. Wir plaudern eine Weile, ohne dass sich eine Gelegenheit ergibt, ihn auf das verschollene Buch meines Freundes anzusprechen. Die Hitze lässt schon nach und bald wirft sich das rote Abendlicht verschwenderisch aufs Pflaster. Der Verleger bestellt Gambas und Crémant.

Endlich ringe ich mich durch, aber auf meine Frage hin, was nun mit dem Buch meines Freundes sei, winkt der Verleger ab. Da L. auch schon seine Frau C. darauf angesetzt habe, verwundere es ihn nicht, dass ich nun der nächste sei, der das leidige Thema aufwerfe. Er könne dazu nichts sagen, die Gründe für sein Verhalten lägen tief, seien aber schwer zu erklären. Ob er das Manuskript verloren habe oder ob es vielleicht nichts tauge, hake ich nach. Ein feines Buch, sagt er, und zitiert ganze Passagen aus dem Gedächtnis. Ein funkelndes Buch, blitzende Schwerter, schwebende Gedankenführung. Ich schweige, die Dämmerung umfängt uns, der Marktplatz wird ruhig und heiter.

Vielleicht ist es der blaue Mantel des Lichts, vielleicht die Tiefe meines Schweigens, irgendwann sprudelt es dann doch aus ihm heraus. Es ist der Wille meiner Mutter, den ich erfülle, sagt der Verleger, sie hat testamentarisch verfügt, das Kapital des Verlags aufzubrauchen, um damit so viele Bücher wie möglich vor deren Erscheinen zu bewahren. Am Ende war sie zutiefst unglücklich, denn die kranke Frage von heute sei das unsägliche »ist er nicht gedruckt«. Jeder wolle heute Autor, niemand wolle aber mehr Dichter sein. Man muss die Bücher vor sich selbst bewahren, hat meine Mutter gesagt, vor dem unersättlichen Begehren der Bücherfresser draußen. Das also ist mein Erbe, und daran ist nicht zu rütteln. – Lange sitzen wir so da, der Wanderfalke stürzt ein letztes Mal das Firmament hinab, die Dämonen betrachten das Spektakel unten, wo wir neben dem eingeklappten Schirm kleiner werden wie verglühende Sterne.

14 Kommentare zu “Preisgabe.

  1. Ein toller Text – eine sinnvolle Unterscheidung zwischen Dichter und Autor und die brutale Frage, ob jemand von seiner Kunst leben könne oder nicht, definiere ob es Kunst sei oder nicht. Vielleicht ist Kunst das, was von alleine entstehen muss, in den Zwischenräumen, in den winzigen kommunikativen Akten, in den Momenten, die sich nicht darum scheren, wer was und wie verlegt wird und hat … dieser kurze Text besitzt mehr Atmosphäre als viele Hunderte von Seiten lange Romane.

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  2. Ihr Freund L., der Forschungsreisende, durchlebt eine kafkaeske Vor-dem-Gesetz- bzw. Vor-dem-Verlag-Situation mit dem Unterschied, dass sich die Situation zumindest erhellt, wiewohl sie weiterhin befremdlich und unbeherrschbar bleibt. Ein kleiner, großer Text!

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