Stadt.

Es gibt vielleicht keine Dichter in Heidelberg, aber es gibt doch C., denke ich manchmal, wenn ich eilig den Marktplatz überquere, wo sie im himmelblauen Kleid Kaffee trinkt. Sie spricht nicht; ob sie nun von Geburt an stumm ist oder das Reden nur, wann und aus welchen Gründen, aufgegeben hat, ist niemandem bekannt, und vielleicht ist es auch unerheblich. Das Palaver der Planeten ist wahrlich endlos, das Zwitschern der Vögel, das Brüllen der Straße am Fluss, die Tiraden der Politiker, das Plauschen auf den Gassen. Aber natürlich sprechen ihre Augen und die Hände. Sie raucht und lächelt und dazwischen steigt C. auf den Turm der Kirche und blickt auf die Ebene hinaus. Und hinter den Bergen, die im blauen Dunst liegen, verschlägt es vielen die Sprache.

Seltsamerweise aber haben alle das Gefühl, schon viel mit C. gesprochen und gute Gespräche mit ihr geführt zu haben. Man kennt sie in der ganzen Stadt. Von der Kneipe, wo sie mit L. und den anderen Fremden den Abend zubringt, von den Lesungen, den Galerien oder den Nächten am Fluss. Überall hofft man auf ihre Zustimmung, auf einen Händedruck, einen freundlichen Blick oder eine zärtliche Geste. Alle halten sie in dem blauen Kleid für eine große Künstlerin und führen das Stummsein auf die fremde Herkunft zurück, vielleicht auch auf Zurückhaltung oder geniale Schüchternheit. Es ist dieses Geheimnisvolle, was sie denken lässt, C. sei eine Dichterin oder Schlimmeres.

Manchmal schreibt C. tatsächlich Verse. Sie kritzelt etwas in merkwürdig auseinanderstrebender Schrift auf einen Zettel, überreicht ihn mit gesenktem Blick. Man darf die Verse nur ein einziges Mal lesen, es sind vibrierende, wie in Hitze flirrende Verse, dann nimmt sie das Papier schon wieder an sich und hält die Flamme ihres silbernen Feuerzeugs daran. Sie ist das, was einem Dichter in Heidelberg am nächsten kommt, denke ich, wenn ich sie so auf dem Marktplatz in der Sonne sitzen sehe, ein himmelblauer Fleck vor leuchtendem Sandstein, dann wieder kann ich mich kaum mehr an ihre Verse erinnern, und ich bin mir nicht sicher, ob an ihnen alles oder nichts an ihnen hing.

Es lässt mir auch auf dem Heimweg keine Ruhe, der Himmel ist tiefblau und flimmert von Sternen, kühl duftende Luft weht vom Wald herab, C. sitzt noch vor der Hütte und raucht. Ich setze mich dazu und schildere ihr meine Ansichten. Sie hört sanftmütig und etwas belustigt zu, lächelt und lässt dann einen Kreis aus Rauch aufsteigen, da begreife ich meinen Irrtum: C. ist ganz und gar nicht die einzige Dichterin, es wimmelt geradezu von Dichtern in Heidelberg, sie sitzen in den kleinen Zimmern, den Kneipen, den Cafés, in den Villen schreiben sie und auf den Bänken am Fluss, und sie träumen dabei alle von den flirrenden Versen, die C. wahrscheinlich dichtet, sie ist das stille Zentrum des Schreibens, die geheimnisvolle Mitte des Schaffens, und so leuchtet unten die Stadt und surrt leise im Bienenfleiß der Dichter, die der Nacht abzuringen versuchen, was die Sterne verheißen.

13 Kommentare zu “Stadt.

  1. Was für ein toller Text … ich wollte eigentlich gar nicht aufhören zu lesen. Besonders die Stelle, wo beschrieben wird, wie die Dichterin den Zettel übergibt, im stillen Einverständnis, der sich ergeben muss, zwischen Lesenden und der Dichterin, wenn diese das Geschriebene wieder in Feuer aufgehen lässt. Das ist ein toller, dadaistischer Moment.

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  2. Eine schöne Musenanrufung in irgendwie posthistorisch-mythisch anmutendem Gewand. Ob hinter der Chiffre „C.“ sich am Ende wohl niemand geringeres als Καλλιόπη (engl. Calliope) verbirgt?

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  3. Sehr schön. Ich spüre darin den Mai und die Sehnsucht der Männer nach der „Frau im blauen Kleid“, die in diesem Monat nach dem Winter, mit den ersten warmen Abenden, die sie die Luft einsaugen lässt.

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  4. Pingback: Wohnzimmer. | Paul Fehm

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