Blatt.

Mein Freund ist Forschungsreisender. Wir sehen uns nur sporadisch, wenn er gerade in der Stadt ist. Am Rande einer etwas obskuren Konferenz waren wir nun wieder einmal zum Abendessen verabredet. Ein früh erlittenes Erbe erlaubt es ihm, durch die Welt zu reisen, ohne irgendwo Wurzeln schlagen zu müssen. Auch sein Interesse gleitet von einem Gegenstand zum anderen, wächst, franst aus, um sich dann unmerklich ganz zu verwandeln. Wenigstens werden seine Bücher, die mich regelmäßig erreichen, immer kleiner und leichter mit der Zeit. Nach einem langen Tag, an den Ofen geschmiedet, war ich froh, zu entkommen. Ich eilte über den geschwätzigen Markt und teilte die Menge. Mein Freund hatte große Neuigkeiten angekündigt.

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Ich fand meinen Freund im Schatten einer Esche. Die Begrüßung war herzlich und wie üblich fanden wir uns sogleich in die alten Gespräche vertieft. Wir verstummten erst, als sie das Essen servierten. Mit leichtem Anstoß schob mein Freund das Salatblatt und die Erbsen vom Steak weg an den Rand. Es sei in hohem Maße barbarisch, Pflanzen zu verzehren. Nur die Pflanzen seien wahre Lebewesen, sagte er. Er ernähre sich daher konsequent von Pflanzenfressern, um sie für ihre Rücksichtslosigkeit zu strafen. Nur Pflanzen seien ganz und gar in der Welt. Alles andere Leben irre nur blöd umher, abgeschieden vom Kosmos und ohne Halt. Wieder einmal wusste ich nicht recht, ob er ernst machte oder scherzte.

Vielleicht aus Verlegenheit fragte ich nach der versprochenen Neuigkeit. Da tauschte er mit der Schönen am Nachbartisch einen langen Blick. Ihr Begleiter starrte wütend zurück. Nur seine Pflicht habe er erfüllt, sagte mein Freund, es sei unhöflich, ihr keine Aufmerksamkeit zu schenken, geradezu eine Gemeinheit. Zudem biete sich ihm nun eine passable Überleitung zu der Neuigkeit, die schlicht darin bestehe, dass er geheiratet habe. Eigentlich habe er seine Braut zunächst kaum bemerkt, aber sie hätten sich lange genug Nettigkeiten gesagt, und natürlich sei er noch auf einen Kaffee mit ihr hinaufgegangen. Es sei bloß eine Formalität, aber da er atme und so weit unter den Pflanzen stehe, begreife er das als erfreuliche Notwendigkeit. Ich gratulierte und lächelnd wechselte er sogleich das Thema.

Die Dämmerung hatte früh eingesetzt. Wir nahmen den langen Weg am Fluss zurück, der schwarze Pfad war getränkt von Erinnerung, wir schwiegen. Im unsichtbaren Regen duftete das Ufer. Wir saßen an eine schwankende Weide gelehnt, Zweige im Wind, schwammen unter dem Schirm der Blätter. So floh die Zeit. Wortlos nahmen wir dann Abschied am Tor. Erst nach wiederholtem Klopfen wurde es mühsam von einem riesigen Schlüssel aufgetan, meinen Freund umfingen die Mauern und Türme. Verlassen vom Tag lag der Markt. In dieser Nacht träumte ich von einem Restaurant ohne Menschen, irgendwo in der Wildnis, wo unbehelligt von allen Blicken die Gerichte sich am Teller laben.

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