Mär.

Wenn unsere Erzählung hier aber schon am Ende sein sollte, was für ein Ende wäre das? Im Fliegenglas verlaufen bekanntlich endlose Wege. Oder vielmehr Übergänge, wie im März sich in die kalten Tage sonnenwarme mischen. Langsam dreht der Schlüssel sich im Schloss, vielleicht ist die Tür auch schon einen kleinen Spalt offen und Wind fegt das braune Laub hinaus; vielleicht geschieht aber alles nur, indem ich davon spreche, und sobald ich aufhöre, die Worte wie Tage im Kalender dicht an dicht aneinanderzureihen, fällt das Datum von heute auf den kalten Küchenboden hinab, wo das Blatt wohl bald mit unbekanntem Ziel vertragen wird. – Ist denn noch etwas in der Ferne, wie es einmal war? Manchmal scheint mir, es sei überhaupt alles einerlei, dann wieder, nichts sei etwas anderem auch nur ähnlich.

So liest sich also der Schlusspassus aus dem Brief unseres Freundes L., des Forschungsreisenden, der uns eben ins Haus geflattert ist. Zwei Monate lang haben wir nichts als listige Gedichte erhalten, gekritzelt auf die Rückseite dunkler Postkarten, und nun diese Zeilen. Sein Aufenthalt ist unbekannt. Vielleicht darf er ihn auch nicht enthüllen, noch immer ist die Heimat ja der gefährlichste Ort. Es sind bereits zwei Monate vergangen, seitdem er und seine Frau fortgewandert waren. Inzwischen hat sich der Schrat in der Hütte am Hang eingenistet, die sie bewohnt hatten. Was sie zurückgelassen haben, wird jede Nacht neu arrangiert. Es können ebenso gut aber auch nur die unsichtbaren Bewegungen des Waldes sein, der langsam wieder aus dem Schlaf findet.

Was kann man diesen Sätzen entgegenhalten? Etwas, das eröffnen würde, was der heutige Tag tatsächlich ist: endlich dürfen die Stunden wieder länger sein, die blinden Zeiger des Winters werden Lanzen, die das Land umpflügen. Das Gerücht des Frühlings liegt in der Luft und die Ebene flimmert im Lob des Lichts. Es gilt, die Lasten weiterzutragen ins Blaue hinein; eine Flut von Flügeln erhebt sich, die Nachricht bis in den letzten Winkel zu bringen. – Doch es gibt ja keinen Ort, wohin man die Antwort richten könnte, man kann ebenso gut in den Wind sprechen, das Tal hinab, wo der Nebel sich im Stundenglas der Sonne verliert, wie blindlings versandte Blicke auf einen Rastenden, dessen Lider schwer sind vom Rost, der jetzt rot von den Scharnieren rieselt.  

Ein weiterer Brief …

10 Kommentare zu “Mär.

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