Abenteuer.

Wir verweigern die Rettung. Es gibt keinen besseren Ort als den, der einem zugeteilt wird mit blinder Hand. Will man sich wehren, heißt das nur die Kette der Ereignisse zerbrechen, die das Leben erst uns spüren lässt. Verloren in der Hoffnung und gerettet in der Verzweiflung harren wir auf dem Felsen aus. Der Hackteufel, dieser zerklüftete Granit im Fluss, ist jetzt nach dem Schiffbruch unser Zuhause. Wir lassen es anfangs geschehen, dass Fischer uns kleine Rapfen bringen, Wasser und etwas Wein. In der Böschung sammeln sich in den ersten Tagen Trauben von Schaulustigen, die uns zuwinken, was wir aber bald nicht mehr erwidern, weil wir es albern finden. Sie stehen am Ufer wie Vieh, das sich eine Weide teilt. Man hält uns für verwegen, doch die Wahrheit ist, dass wir es nirgendwo aushalten können und jeder Aufenthalt uns gleich ist.

Wir geben nach einer Weile auch das Rufen auf, das Danken und nehmen zuletzt alles stumm hin wie Tiere. Wir legen die Kleidung ab, denn aus der Ferne ist die von der Sonne braune Haut und der Stoff dem Auge doch eines und dasselbe. Aus der zusammengenähten Plane und aus Planken des Floßes bauen wir ein Zelt. Drinnen ist es tröstlich wie im Bauch des Kaschelott. Wir empfinden immer klarer das Angenehme der Tatsache, dass wir existieren. Mit einem Nagel ritze ich tagsüber mühsam Zeichen in den Felsen, bis der ganze Leib in wilden Furchen bedeckt ist. Wir geben es schließlich auch auf, miteinander zu sprechen. Alles Sprechen ist nur eine Ausrede, dem Dasein auszuweichen, dem dröhnenden Schweigen der Sterne, das nachts unleugbar auf dem Planeten lastet.

In der Ferne schmilzt schließlich der Schnee, lautlos zerbricht der Winter. Das braune Wasser steigt und schäumt mit gleichgültiger Entschlossenheit. Unsere Vertreibung steht unweigerlich bevor, schon überspült die Flut unsere Füße, bald werden wir in Schwerelosigkeit gehoben. Wir halten uns an losgerissenen Baumstämmen fest, lassen uns treiben, sinnlos strampeln wir, bis wir doch verwandelt ans Ufer treten, mit Schlamm bedeckt und schreiend. Nach den ersten Schritten mit Beinen wie aus kaltem Holz erinnern die Füße den Weg, wir kehren zurück zu unserem Haus auf dem Hügel. Als wir in Handtücher gewickelt aus dem Fenster schauen, ist unten der Fels im Wasser ganz verschwunden, auch die ersten Häuser am Ufer versinken, da heben wir mit klammen Fingern die Champagnerschalen und sprechen beim Klirren unser erstes Wort.

6 Kommentare zu “Abenteuer.

  1. Lieber Paul Fehm, freue mich über jeden neuen Eintrag auf dieser Seite. Dumme Frage, kann sie mir dennoch nicht verkneifen, geht mir schon seit erster Lektüre im Kopf herum: Diese Champagnerschalen im letzten Satz, ist das eine bewusste Jünger-Anspielung? Würde passen zu der Organisation deiner Beiträge, kühl und durchsichtig in der Diktion, dabei beziehungsreich, weniger Text als Geweb. Die Worte wie zeichenhafte Pilze auf dem Waldboden, darunter das ungeheure Labyrinth des Myzels. Starke Leistung.

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  2. Sorry, leicht falsche Erinnerung. Sehe gerade, bei Jünger geht es um Burgunder, nicht um Champagner, die Situation ist aber dieselbe, Beobachtung von Zerstörung mit einem Trinkglas in der Hand. Die Stelle ist sehr bekannt und wird oft zitiert, selten freundlich. Sie ist zu finden in „Strahlungen – Das zweite Pariser Tagebuch“, unter dem Datum 27. Mai 1944. Der Tagebuchschreiber steht am Fenster seines Hotelzimmers und beobachtet einen Luftangriff auf Paris: „Alarme, Überfliegungen. Vom Dache des Raphael sah ich zweimal in Richtung von Saint-Germain gewaltige Sprengwolken aufsteigen, während Geschwader in großer Höhe davonflogen. Ihr Angriffsziel waren die Flußbrücken. Art und Aufeinanderfolge der gegen den Nachschub gerichteten Maßnahmen deuten auf einen feinen Kopf. Beim zweiten Mal, bei Sonnenuntergang, hielt ich ein Glas Burgunder, in dem Erdbeeren schwammen, in der Hand. Die Stadt mit ihren roten Türmen und Kuppeln lag in gewaltiger Schönheit, gleich einem Kelche, der zu tödlicher Befruchtung überflogen wird. Alles war Schauspiel, war reine, vom Schmerz bejahte und erhöhte Macht.“ Die Juxtaposition -distanzierte Beobachtung von erhöhter Stelle aus mit Trinkglas in der Hand – draußen/drunten Zerstörung, die als abständiges Ereignis wahrgenommen wird – ist in beiden Texten sehr ähnlich konstruiert. Doch nur Zufall?

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  3. Nur das Getränk oder auch dieser Text? Scheint also eine literarische Kontextualisierung zu sein, die sich eingeschlichen hat. Wiewohl, wenn ich mir das überlege, da ein Thema für motivische Spurensuche liegen könnte. Wie oft kommt das vor, dass einer am Fenster steht und, Glas in der Hand, die Katastrophe draußen betrachtet? In „Abenteuer“ stoßen die Davongekommenen ja auf ihr Überleben an, sozusagen mit klappernden Zähnen, und dann beginnt ein neuer Tag der Schöpfung („sprechen … unser erstes Wort“). Am anderen Ende des Spektrums könnte man sich einen James Bond denken, der, den Martini in der Hand, ungerührt dem Untergang seiner Feinde zuschaut. Der moralische wie auch der ästhetische Raum, der sich da entfaltet, ist formenreich. Danke für den Anlass zum Nachdenken!

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  4. Pingback: Eiszeit. | Paul Fehm

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