Ernte.

Die Esel scheuen ohne Grund. Sie blicken auf zum Waldrand und schütteln die Köpfe. Nachts dringt ihr Schreien von der Wiese den Hang hinunter, dass es ins Mark schneidet. Der eine Esel ist lohfarben, der andere isabell, sie beide aber scheinen die Farbe langsam zu wechseln. Der eine wird immer dunkler, der andere heller, ihr Fell struppig, die Augen wild. Jeden Morgen sind sie erschöpfter. Überhaupt ist vieles merkwürdig: Laub und Zweige bilden Figuren am Boden, die kaum zufällig sein können, Dinge verschwinden und tauchen an seltsamen Orten wieder auf. Mein Freund L. setzt sich nachts mit der Flinte in den Baum und hält Wache; doch bald packt ihn der Schlaf, und das Bild am Morgen ist wüster denn je.

Also steige ich auf den Turm der Kirche, berate ich mich in der Dämmerung mit den Dämonen. Der Löwe zankt ein wenig mit den Zentauren, dann sind sich alle einig: Ein Waldschrat treibt sein Unwesen. Der Faun prahlt mit seinem Wissen, er doziert auf der Brüstung balancierend: »Er hat seinen Scherz mit den Eseln, reitet nachts auf ihrem Rücken. Das ist die Art des Waldschrats, sich zu rächen, dass er missachtet wird. Mein Herr, Sie pflücken daher den schönsten Apfel am Baum, die prächtigsten Nüsse, die prallste Birne und duftende Quitten, und Sie richten all das bitte dem Schrat hin. Es ist ja bekannt: Ein Schrat klettert nicht gerne selbst auf Bäume. Es sind kleine, braune Wesen, ganz in Moos gehüllt zu dieser Jahreszeit, und sie sind etwas bequem. Sie lauschen und beobachten gerne und legen das Gesicht dazu in Falten wie die Rinde alter Bäume. Gute Taten vergelten sie, ihren Zorn sollte man aber nicht reizen.«

Noch spät in der Nacht, etwas schwankend nach dem vielen Schnaps, mache ich mich im Mondlicht an die Arbeit. Die Früchte und etwas Wein liegen in einer Schale bereit, als ich endlich ins Bett falle. Von lautem Rufen werde ich bald geweckt: Die Esel sehen gestriegelt aus, selbst die Hufe blank poliert. Die Wege sind vom Laub befreit. Unter der Eiche finden wir auf einem Bett aus Moos einen silbernen Löffel, ein paar Schrauben, einen Kamm und Kleinigkeiten mehr, die abhanden gekommen waren. Die Hauptsache aber ist ein kleiner Laib Brot. Der Faun hatte mir eingeschärft, solche Gaben auf keinen Fall zu verschmähen. Etwas zögerlich nimmt jeder einen Bissen in die Hand: Es schmeckt nach Erde und Tanne, wie das hilflose Glück, das wir empfinden, wenn das Gute geschieht, und uns mit Angst und Frieden erfüllt.

5 Kommentare zu “Ernte.

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