Ausklang.

Der Winter ist zu früh gekommen. Blau liegt der Fluss da, nutzlos gefroren. Die Hügel zugedeckt, weiß, nichts bewegt sich, und wenn doch, dann wie unruhig im Schlaf. Der Kahn bäuchlings in der Böschung. Vor Wochen schon haben wir den Fährbetrieb eingestellt. Unser Geld geht zur Neige, die Geduld mit diesen harten Tagen. In den Gassen leuchten die Schaufenster, wo man seine Haut zu Markte trägt. Glatteis hat sich zwischen die Steine gesetzt, wir bewegen uns in die eine Richtung, und rutschen in die andere.

An glitzernden Scheiben, rot und kalt, frieren die Finger fest: Wo aber ist das schimmernde Leben, fragen wir, wenn wir Uhren betrachten mit geschmeidigen Zeigern, und lassen nichts zurück als das Relief der Rillen, wo der Frost sich sammelt. In allen Winkeln sind Buden aufgeschlagen, flackerndes Licht, um das Fledermäuse irren. Der Mond legt sich silbern in die Nacht, wir rasseln mit den Knochen und eilen durch lange Gassen. Unser Freund, der Maler, hat zum Essen geladen.

ausklang

Endlich steigen wir die Stufen hinauf zum Atelier, es riecht nach dunklem Harz. Rahmen hängen von der Decke wie Sterne über einem Garten aus Muscheln, Schädeln, Töpfen mit Farbe und Lasur gesprenkelt. Im Sessel, in sich versunken, schläft der Maler, mit über dem riesigen Bauch verschränkten Händen, die wie junge Löwen ruhen, sein Atem kondensiert in gewaltigen Wolken an den Gemälden. Alles schwebt in seinen Bildern, die Menschen, die Farben, der Klang. Wir bewundern den gerechten Schlaf: Unser Freund malt nur, um zu entgehen, was auf den Marktplatz taugt, um unbehelligt spazieren, seine Mahlzeiten nehmen zu können.

Leise machen wir uns über die Schale mit Früchten her, machen ein Feuer aus Wachholder, mit klammen Fingern blättern wir in den lose verteilten Büchern. Wir nagen am Pergament, saugen Schicht um Schicht Honig aus der toten Tinte. Dann leuchten auch die hungrigen Augen auf: blaues Haar, ausgelassene Buchstaben und Glieder halten inne, Flecken von Licht bannt der Blick, um in einem Wirbel von Farbe und Form aufzugehen, um unaufhaltsam sich aufwärts zu schrauben –

2 Kommentare zu “Ausklang.

  1. ‚ Alles schwebt in seinen Bildern, die Menschen, die Farben, der Klang. Wir bewundern den gerechten Schlaf: Unser Freund malt nur, um zu entgehen, was auf den Marktplatz taugt, um unbehelligt spazieren, seine Mahlzeiten nehmen zu können.‘

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  2. Pingback: Sanatorium. | Paul Fehm

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