Pause.

In meiner Pause wollte ich wieder einen Spaziergang am Fluss machen. Der Weg führt über eine Brücke zu den backs. Die Brücke ist schmal, mehr ein Durchschlupf, von einem schönen, gemauerten Gewölbe überdacht. Ein Mann stand also dort in ihrer Mitte und seufzte in fremdländischem Akzent. Ganz in Grau gekleidet, das Haar wirr, verbiss er sich die Lippen. Ich wartete, dass er mir den Weg freigab, aber er verharrte an Ort und Stelle. Mit einem Stock klopfte er mehrmals an einen Pfeiler. Ich kam näher, neugierig, was es damit auf sich hatte. Vielleicht hatte er einen Fehler in der Konstruktion entdeckt. Sein Gemurmel aber blieb mir unverständlich und ich sah ihn fragend an.

brücke

Er fasste sich: »Ich muss es dann also aufgeben«, sagte er. »Wenn Sie verständiger sind als dieser Stein hier, will ich Ihnen die Gründe begreiflich machen«, herrschte er mich an, das Gesicht wild verziehend. »Aber wie könnten Sie begreifen? Was ich sage, ist doch schon verhext. Nie komme ich mir selbst auf die Schliche.« Er wurde leiser: »Ich muss es ja dennoch versuchen: Wie mit offenen Händen und Augen dieses seltsame Leben lieben, wie der Versuchung widerstehen, das Wunder einfach wieder schlafen zu schicken, wie es doch so viele tun?« Mit einer energischen Geste hieß er mich, nicht zu antworten. »Die Versuchung hier ist unendlich groß. Ich muss es aufgeben, fort von hier; wenn Sie kein Klotz sind, sehen Sie das ein.«

Ich wollte mich mit einem unverbindlichen Lächeln aus der Affäre ziehen, er aber bannte mich mit einem schwarzen Blick: »Dass Sie an mir vorbei wollen, zeigt, dass Sie rein gar nichts begriffen haben. Das ist kein Gerede. Was wir sagen, ist ganz bedeutungslos, ist es nicht im Strom des Lebens gesagt.« Resignativ atmete er aus: »Wie kann ich den Vorhang im Hirn lüften? Ich zeige es Ihnen: Der Weg zu beiden Seiten ist uns versperrt. Denken Sie von uns als die Türen der Brücke, keiner von uns kann hinaus, wenn wir nicht beide die Richtung wechseln, dann aber kehren wir dorthin zurück, wo wir herkommen, was uns widerstrebt. Das ist die Versuchung, von der ich sprach. Wir müssen immer irgendwohin. Und versperren uns dadurch selbst den Weg.«

Bei den letzten Worten schwang er plötzlich den Spazierstock, sodass ich mich instinktiv wegduckte. »Immer auf den Kopf achten!«, lachte er listig. »Ein wunderbarer Tag!« Damit wandte er sich um, leichtfüßig durchschritt er das Gatter von Licht und Schatten und pfiff virtuos eine Melodie, die ich nicht zu benennen wusste. Als das Pfeifen verklungen war, drehte ich mich um und ging langsam über den Hof zurück zur Küche. Ich konnte mir keinen Reim auf diese Begegnung machen. Hatte er dafür meinen Spaziergang ruiniert! Paul Fehm bietet dem Glück die Stirn, Paul Fehm beharrt darauf, ein Wunder zu sein.

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3 Kommentare zu “Pause.

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