Transit.

Nach der Sicherheitskontrolle saß ich in der Falle. Woher sollte ich auch wissen, ob ich den richtigen Durchgang gewählt hatte: Die Türen stehen alle offen, hatte man gelockt. Nun aber verschärfte sich mein Zögern und Zaudern an jeder Ecke, an jeder Abzweigung im Labyrinth. Seit Stunden schon tastete ich mich alleine in Dunkelheit und Leere die Fluren entlang. Gestalten traten aus dem Schatten, nahmen mich mal beruhigend an die Hand, mal zerrten sie an mir von allen Seiten zugleich.

Sie können jederzeit gehen, hatte man mir an der Kontrolle versichert, nachdem mein Pass nur oberflächlich gemustert worden war. Aber nur derjenige, der nichts zu verbergen hat, der ganz mit sich im Reinen ist, nur der wird auch am Ziel ankommen können. Da forschte ich nach dunklen Flecken, erschrak, streifte zunächst die Kleider ab, zuletzt die Haut, löste dann das Fleisch von den Knochen, und hatte das Skelett zerrieben, ehe der Korridor mich schließlich aufnahm.

transit

Ich fand mich im Gewirr von Türen und Fluren nicht zurecht. Was wollten die Gänge mir bedeuten, wer hatte diese tyrannischen Wände und wozu bloß aufgestellt? Selbst die flüsternden Gestalten schwiegen. Im Halbdunkel war ich nur ein Schemen in den Glasscheiben, wie konnte ich da sicher sein, dass das wirklich ich war, wie sollte ich jemals zu einem Ende kommen, welcher war mein Weg, mein ganz eigener Stollen ins Gebirge getrieben?

So irrte ich fort. Bisweilen blitzte die Furcht auf in der Finsternis vor der Leere der Lichtung, vor der Weite des Raums, die sich im nächsten Winkel schon schlagartig eröffnen könnte. Auf allen vieren kroch ich weiter, wie um mein Fortkommen zu verlangsamen. Doch schienen die Flure zum Glück in immer kleinere Zimmer zu führen, bis man bald in einem anlangt, das ganz und gar aus Wänden besteht, um dann dort, verschont vom Licht, endlich still zu Stein zu werden.

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4 Kommentare zu “Transit.

  1. Es ist ein starker Text mit vielen Interpretationsmöglichkeiten. Die Seele, die irgendwann alleine im kalten Stein gefangen ist oder die Entstehung eines Berges, der aus einzelnen Felsen gebildet wird und sich dabei gedanklich in seinen Prozessen verliert.

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