Schleuse.

Auf einem Binnenschiff reisen wir tiefer in den Kontinent hinein, die Kanäle hinab nach Süden. Meistens sitzt M. vorne an Deck, die Landschaft zieht vorüber, riesig und gleichgültig. Wir haben tonnenweise Sand geladen, der sich als feiner Staub überall an Bord verteilt; jeder Schritt knirscht unter den Füßen. Uns ist eine Lotsenkammer im Achterschiff zugeteilt, mit Etagenbett und Küchenzeile. Lange Zeit verläuft die Fahrt ereignislos: Unser Kapitän flucht vor sich hin, wenn er das Schiff an den anderen Frachtern vorbei navigiert. Abends dann, wenn er auf dem Kunstrasen des Sonnendecks liegt, wird er ganz still und krault die Hunde.

Nach wenigen Wochen erreichen wir endlich einen Umschlaghafen, wo die Ladung gelöscht werden kann, was mit ungeheuerlicher Geschwindigkeit geschieht, in einer Bewegung werden die Taue an den Pollern festgemacht und wieder gelöst. Der Kapitän rast minutenlang die Kommandobrücke auf und ab, für einen Landgang bleibt keine Zeit. Schon sind wir wieder auf dem Fluss, und ohne zu wissen, wohin es gehen soll, schießt das leere Schiff in voller Fahrt flussabwärts. Zwar kommen wir jetzt merklich schneller voran, die Ungewissheit aber scheint uns zugleich furchtbar zu verlangsamen. Wir passieren für Stunden nichts als verbrannte Wälder und stumme Städte.

schleuse

Irgendwann fahren wir zur Talfahrt in eine Schleuse ein. Die Tore schließen sich, das Schiff liegt stabil und ruhig da, der Pegel sinkt. Bald sind wir zur Ausfahrt bereit, doch nichts geschieht. Der Kapitän flucht ins Funkgerät, die Tore bleiben geschlossen wie die Kiefer des Leviathans, dem man nicht zwischen die Zähne greifen kann. Der Schleusenwärter verschanzt sich mit wohlwollenden Gesten im Turm. Tage harren wir so aus. Die Hunde jaulen vor Hunger. Wir fischen nach Kormoranen, eine ganze Kolonie hat sich am Damm angesiedelt, nichts aber stillt unseren salzigen Hunger. Im Schutz der Nacht gehen M. und ich dann an Tauen die Wände der Schleuse hoch. Erst am Waldrand rasten wir: Dunkel liegt der Fluss im Tal, Helikopter kreisen, werfen sinnlos Licht in die Finsternis.

2 Kommentare zu “Schleuse.

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