Fortkommen.

Der Schlamm stand knöchelhoch in den Gassen; die Mauern hatten sich mit Feuchtigkeit vollgesogen, Schlingpflanzen waren die Fassaden hochgeklettert; in den Pfützen nistete das Ungeziefer. Unter diesen Bedingungen war auch heute kaum ein Vorankommen, während ich äußerst zufrieden mit mir war. Das Leben war gut, und ich hatte mich darin vollends eingerichtet, in der mir eigenen Weise zu existieren oder durch den Schlamm zu waten, dachte ich, mit einem flüchtigen Blick auf die anderen.

Die Stadt wurde indes langsam, aber sanft vom Wald verschluckt, der sich den Hügel hinunter wälzte, die Wurzeln tiefer in die Erde trieb und den Asphalt aufsprengte, unaufhaltsam zum Fluss hin strebte, wo die Weiden ihre Zweige bereits tief ins Wasser hängen ließen. Das Leben ging weiter seinen Gang, die Menschen ihrer Wege. Je aussichtsloser die Lage war, desto entschiedener ergab man sich der blinden Betriebsamkeit, die schon allgemein zu werden drohte. Es gab kein falsches Leben mehr, wo das Ganze niemanden mehr anging.

Die Hitze, vom pulsierenden Blut unbeeindruckt, nistete in den Steinen und verteilte ihr Fieber. Jede Bewegung schrie seit Wochen die eigene Sinnlosigkeit zum Himmel. Nachts taten die Menschen noch das Nötigste, jeder erhielt sich, so gut es ging, und blieb für sich. Meine Nachbarn hatte ich seit Tagen nicht gesehen, auch heute brannte bei ihnen kein Licht, durch die weit geöffneten Fenster drangen Schwärme von Fliegen ein, die Ranken tasteten sich bereits in die Wohnung vor.

Bestimmt hatten sie sich an all das schon gewöhnt, lagen still und friedlich da, gelassen die unabwendbaren Dinge abwartend, denn wozu sich auch sorgen, doch nicht um den bröckelnden Putz oder die Ameisenstraßen, es gab Wichtigeres, man musste sich schließlich schonen unter diesen Bedingungen, sein Leben gegen die Zumutungen dieser Tage verteidigen. In der Dunkelheit geborgen ließ sich vergessen, was man kaum noch ahnte. Ich musste sie mir als glückliche Menschen vorstellen.

Ich wachte in meinem Schweiß auf und schloss die Augen wieder, wie um besser horchen zu können. Noch immer nichts, nicht einmal das kleinste Geräusch nebenan, nichts störte die Stille. Ich wollte meine Träume wieder herabringen und wühlte mich in die Matratze. Dann zog ich mich doch am eigenen Haar aus dem Bett. Die Sterne standen unverrückbar über den schwarzen Dächern. Wahrscheinlich hatten meine Nachbarn die Stadt aufgegeben und waren lange schon, doch wohin, fortgegangen.

fortkommen

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Ein Kommentar zu “Fortkommen.

  1. Es liest sich wie eine Geschichte vom kleinen Tod.. Ob in der Zukunft oder im finsteren Mittelalter bleibt bis hierhin dem Leser überlassen. Ich mag das unwirkliche der Träume, auch wenn die Wirklichkeit manchmal noch surrealer ist.

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