Marsch.

Viele Jahre waren schon ins Land gegangen und meine Hoffnung hatte sich fast zur Gewissheit verfestigt, da erhielt ich doch die Order. Ich wurde an die Front verlegt, wo ich dann alsbald vergessen war. Es verhält sich nämlich folgendermaßen: Einmal angekommen, ist es untersagt, Heimaturlaub oder gar Versetzung zu beantragen, ohne dass man zuvor zumindest eine Heldentat begangen hat. Hier aber war nur Welt ohne Ende, kein Feind ließ sich finden, an dem ich mich hätte beweisen können.

Zum Nichtstun aber bin ich nicht geboren. Ich wetzte meine Messer, ich stählte meinen Blick. Den ganzen Tag schweifte ich umher, die Grenze auf Patrouille umspielend, hielt Ausschau und suchte nach Marken in der Landschaft. Wenn das Auge nichts fassen kann, legt sich dir schwarzer Schwindel vor den Blick, saugt es einem glatt die Schwerkraft aus den Stiefeln. So zog ich unsichtbare Fäden durch die Ebene, verband hier den Verschlag mit der zerzausten Pappel dort oder das Glitzern des Grabens mit dem verrosteten Schlagbaum.

Viele Jahre verbrachte ich verschollen an der Front, keiner erinnerte sich, keiner rief mich heim. Die Feinde hatten sich tief ins Niemandsland zurückgezogen. Und ich setzte einen Fuß vor den anderen, durchmaß beharrlich Wiesen und Wälder. Niemand bot mir die Stirn, nichts bremste meinen Schritt. Bald waren meine Marken, war der Verlauf der Front verschwunden. Wo aber waren die Feinde, an deren Leibern Halt zu finden wäre? Wo war meine mir in die Hand versprochene Heldentat? Nur das wusste ich gewiss: Solange das Herz mir gehorsam war, solange würde ich auf meinem Posten bleiben.

marsch

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7 Kommentare zu “Marsch.

  1. Lieber Paul, ich weiß nicht, was du im Kopf hattest, als du diesen Text geschrieben hast. Ich versuche, Bilder dazu zu finden. Wie im Literaturunterricht früher, als wir Gedichte, Stücke, von Schiller, Brecht, Shakespeare… interpretieren mussten. Mit fällt Kevin Costner als der einsame Grenzposten in „Wer mit dem Wolf tanzt“ ein. Aber in der Geschichte der Menschheit geht das noch viel weiter zurück. Womit wurden Männer in den Krieg gelockt, als man noch mit Schwertern und Pferden unterwegs war? Das Versprechen von Ruhm und Reichtum waren das Eine. Die Eroberungskriege unter dem Deckmantel des Glaubens waren das andere. Hier ist das Versprechen eines besseres Leben nach dem irdischen der Antrieb. Eine Verführung, die heute noch funktioniert. Leider.

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