Blindsatz.

Nachdem das Buch meines Freundes L. endgültig beim Verlag verschollen ist, habe ich beschlossen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Trotz all der Unwägbarkeiten in dem Manuskript, das ich heimlich aus der Schublade genommen habe, tippe ich es ins Reine; ein fataler Prozess, bei dem ich die Augen fest geschlossen halten möchte, und doch fühle ich, dass ein wenig Barbarei notwendig ist, will das Feine überleben. Das Buch soll den ihm gebührenden Platz einnehmen können, sage ich mir, während ich die roten Anmerkungen geflissentlich überlese. Das Typoskript trage ich dann unterm Jackett versteckt durch die Stadt, bis ich am Marktplatz angelangt bin. In der Bar erwartet man mich, durch die Tür hinterm Tresen geht es eine Treppe hinab.

In dem Gewölbe, dunkel wie ein Grab, doch schwül wie eine Brutstätte, sind die Wände von Schriftkästen und Tischen gesäumt. Ein Gehilfe nimmt hinten flink Buchstaben aus dem Kasten und füllt Zeile um Zeile. Lawinen von Papier lagern hier, Bogen hängen wie Wäsche an der Leine. In der Mitte des Raumes thront eine gewaltige Presse. Der Drucker ist argwöhnisch, stellt aber weiter keine Fragen. Nachdem er das Typoskript überflogen hat, einigen wir uns auf eine Fraktur als Brotschrift, der Lesbarkeit halber. Wir beraten kurz über Kegelgröße und Durchschuss, dann scheucht er mich wieder hinaus ans Tageslicht. Ich blinzle gegen die Sonne, die roten Steine flimmern in der Hitze.

Ich lasse mich in einem Café nieder. Es ist, als ob die Schirme unter dem Gewicht der Schatten ächzen, die sie werfen. Der Mangel ist allgegenwärtig, man hat jetzt auch den Brunnen abgestellt. Auf dem Podest harrt der Halbgott seiner Aufgabe, die Muskeln angespannt, als sei er jederzeit zum Absprung bereit; doch der Moment kommt nicht, der Augenblick der Tat, und so steht er versteinert da, eine gelähmte Bildsäule, die sinnlos ein Stück des blauen Himmels einnimmt. Wenn man ihn doch nur riefe, wenn man ihn einen Platz unter uns einnehmen ließe, plötzlich würde er die Augen aufschlagen, so aber wartet der verhinderte Held, ohne zu wissen wozu, bloß Statue, nur Stein.

Schließlich trage ich die ersten Exemplare des Buches mit mir herum. Es ist ein schöner, schmaler Band geworden, in einem matten Grün eingeschlagen. Mein Weg führt mich sogleich in die Seminare. Zuletzt gehe ich in die große Bibliothek, in den vierten Stock, direkt unter dem Dach, wo sich die Hitze festgesetzt hat wie Ungeziefer. Im hintersten Regal stelle ich das Buch zwischen eine alte Abhandlung über den unglücklichen Lenz und eine dekonstruktivistische Interpretation der Herkules-Sage. Freilich bleibt das Befremdliche, dass der Band meines Freundes keine Signatur auf dem Rücken trägt. Als ich mich ein paar Wochen später wieder in den Winkel verirre, hat ein Bibliothekar den Fehler blindlings behoben.

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5 Kommentare zu “Blindsatz.

  1. Die Hitze, die uns an den Boden drückt, verhindert so manche unserer Heldentaten, nicht jedoch deren Imagination, und sie ist eine hervorragende Ausrede für allerlei Untätigkeit. Auch wir harrende Steintote, Meister im Beharren. Es sei uns gestattet.

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  2. Pingback: Studium. | Paul Fehm

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