Erwartung.

Sie wird ja doch nicht kommen. Ich hatte getan, was ich konnte, aber sie kam nicht. Dabei waren alle Türen weit geöffnet, die Fenster klapperten im Wind, die Schlüssel steckten in den Schlössern. Es war alles vorbereitet, doch nichts passierte. Das Kerzenlicht flackerte im Luftzug, auch die Nacht war pünktlich zur Stelle, nur ich wartete noch immer.

Jeder hatte heute einen Ort, wo er hingehörte, wo aber war mein Platz? Ich kippte die Fenster, ließ den Rolladen halb hinab. Noch immer keine Schritte auf dem Gang, ich zog Schlüssel um Schlüssel ab und fügte sie dem Bund hinzu, der mir klirrend kalt in der Hand lag. Nur die Eingangstür ließ ich, nach kurzem Zögern, noch einen kleinen Spalt offen.

Ich löschte nach und nach das Licht, wusste nicht, wohin mit mir, tastete mich weiter endlos durch die Dämmerung. Irgendwann musste sie kommen, wie könnte es anders sein, und dann würde es mit einem Male erträglicher, der Wald licht, friedlich die Krähen auf den Dächern: ein Wort und alles wäre hell unter den stillen Sternen.

ein wort

Hinterhältig fiel die Tür ins Schloss, tilgte auch noch den letzten Lichtstrahl aus dem Treppenhaus. Wenn ich mich auf den Boden legte, was anderes blieb mir übrig, glaubte ich, Stimmen zu hören, erstickte Schreie und ferne Musik. Von der Welt vergessen, verschluckt von der Nacht, zu nichts nütze, aber noch immer lauschte ich und hoffte? –

Da war ich zum Fenster geflogen, sie war es, ein Wink und ich eilte hinab, leuchtenden Augen entgegen. »Ich dachte schon, du wärst ohne mich gegangen.« »Wie könnte ich ohne dich gehen, ewig will ich warten«, empfing ich ihre Hand. Die Gasse tat sich schwarz und undurchdringlich vor uns auf; heute aber würde sie mir nichts anhaben können.

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10 Kommentare zu “Erwartung.

  1. Kein Wort ist an der falschen Stelle, kein Gefühl erreicht im falschen Moment das Herz, kein Sinn, der nicht den Verstand trifft und in mein Gedächtnis einrieselt wie Schnee, der am Weihnachtsabend fällt. Viel zu wenige schreiben so schön, um Lesen vergnüglich zu machen – danke Paul.

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  2. Die Unruhe des Herzens, sie lässt unsere Gedanken wirbeln, treibt uns zu Poesie und Lyrik, hebt uns weg vom Boden und lässt uns wieder fallen. Sanft, wenn das geliebte Wesen erscheint, hart fliegt die Hoffnung dahin wie ein Blatt im Wind. Oh ja, ich weiß, wovon du sprichst, Paul.

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