Ankommen. (2)

M. hat sich das letzte Mal etwas hinreißen lassen und hat länger gelesen, als sie sollte. Einen Sonntag später sitzen wir wieder am Tisch, der Himmel ist eine saftige, blaue Traube; nachdenklich zeichnet C. Linien in den Puderzucker auf ihrem Teller; M. zündet die Kerzen an, L. beginnt mit kratziger Stimme zu lesen:

„Briefträger wollte er nie werden, doch sein Vater hat ihn damit in die Welt hinausgeschickt. Die Kappe tief in die Stirn gezogen, fliegen die Schuhe mit den zerschlissenen Sohlen über den Asphalt, vor ihm der gelbe Karren. Durch die Gassen, am Ufer entlang, den Hügel hoch. Die Menschen laufen ihm entgegen mit ausgestreckten Händen; nichts, was er trägt, ist für ihn selbst bestimmt. Die Hunde schlagen schon von weitem an, sie haben das Gelb längst gewittert, wenn er am Tor steht. Doch ein Wink mit dem Finger und sie winseln und liegen auf dem Boden, bieten ihm den Bauch dar. Dann ist der Briefträger ganz zufrieden mit seinem Dasein.

Der Mensch wartet sein Leben lang auf Nachricht. Selbst wenn es schlechte Neuigkeiten sind, will er sie unbedingt erfahren. Ungewißheit kann er nicht ertragen. Unterschiedslos wirft der Briefträger also Mahnungen, Grüße und Reklame ein, kleine Päckchen mit Büchern und Pralinen. Er weiß immer ein wenig früher, was die Menschen in ihrem Postkasten erwartet als die Empfänger selbst. Die Menschen wohnen und warten auf Nachricht. Von seinem Vater hat der Bote gelernt, dass das Warten auf erlösende Nachrichten vergebens ist, und doch halten alle daran fest, dass etwas geschehen wird, was alles wendet oder das Schlechte wenigstens vergessen macht.

Diese Hoffnung ist es vielleicht, die alle freundlich zu dem Briefträger sein lässt. Manche sieht er schon am Fenster stehen, andere stürzen auf der Straße auf ihn zu und nehmen ihm lächelnd die Briefe aus der Hand. Sie scherzen und fühlen in dem Moment, dass sie nicht alleine sind auf der Welt. Man nimmt Sendungen für den Nachbar in Empfang, die gerade noch rechtzeitig zum Fest eingetroffen sind, Pakete stehen wie Geschenke aus dem Nichts vor der Tür. Dafür fliegt der Postbote jeden Morgen wieder über den Asphalt.“