Aus der Hand.

Mein Leben kann man an zehn Fingern abzählen. Es handelt sich um eine Reihe glücklicher und unglücklicher Verkettungen. Um uns tost der Fluss, einzelne Planken unseres Floßes schlagen an den Felsen. Die Sonne ist über den Hügeln aufgestiegen und wärmt den Stein, auf dem wir sitzen. Während wir auf Rettung warten, liest M. aus meiner Hand. Sie hat es von ihrem alten Hausmädchen gelernt, deren Vorhersagen recht zuverlässig gewesen waren. Meine gespreizte Handfläche ist von unzähligen Linien durchzogen wie ein Delta von Strömen, die sich endlos verzweigen. Erst zählt M. die Linien, die zu den Fingern laufen, dann entwickelt sie mir mein Schicksal.

Da dachte ich, M. müsse meine Hand doch eigentlich kennen, nach all den Jahren, aber weit gefehlt, sie entdeckt Neuland für sich und mich. Die ausgeprägte Sonnenlinie spricht für mein Glück, das ich im Leben habe, und denke ich etwa daran, dass wir nicht mit dem Floß versunken sind, muss ich zustimmen, dass schon immer ein besonderer Stern über mein Schicksal gewacht hat. Dann wiederum ist aber meine Lebenslinie eher schmal, das erklärt die klappernden Gelenke und das schüttere Haar. Na gut, man kann ja bekanntlich nicht alles haben.

Dass M. dann noch die Herzlinie untersucht, ist ziemlich indiskret, aber wir sitzen nun einmal auf diesem Felsen fest, da kann man nichts machen. Zum Glück ist die Linie so verworren, dass sich M. keinen rechten Reim darauf machen kann. Dass ich sie daraufhin küsse, macht sie zwar erst recht misstrauisch, aber wir sitzen auf einem Felsen fest, was will sie machen. Die Kopflinie lenkt sie gleich wieder ab, denn sie verläuft schwunghaft, sehr tief und breit. Vielleicht sollte ich doch anfangen zu schreiben, wie all die anderen, die ebenso ungeschickte Finger haben wie ich. Kaum kann ich jetzt die Ankunft unserer Rettung abwarten, meine Hände formen einen Trichter, ich rufe den Passanten am Ufer zu, Worte, die der Wind fortträgt.