Streifgebiet.

In diesen Sommernächten verwandle ich mich in einen Hund, der in den Gassen kläfft. Ich stöbere in den Menschen wie in Tonnen, finde Unrat und rottende Reste in den Kneipen, Rauch und kühnen Schweiß. Die Gläser klirren verbissen. Das Fröhlichsein erschreckt mich, die jungen, rosigen Gesichter. Ich selbst aber bin alterslos wie das ewige Ensemble dieser Stadt. Ich schlinge den Wein, ich bekomme keinen Fuß mehr auf den Boden. Ich will das Leben fassen und ihm am äußersten Zipfel zerren, und greife doch ins Leere. Die Nacht ist orange, rot meine Lefzen.

Als Hund lebe ich, der hungernd durch die Gassen zieht. Wie rohes Fleisch liegt das Leben dann vor mir, zuckend und zäh. Still pulsieren will ich, nichts weiter, ein Rausch sein. Wir wohnen, als sei das das Ende unserer Flucht, in einem verlassenen Haus, das, aller Habseligkeiten beraubt, am Hang liegt. Die Krähen hassen auf uns von himmelhohen Fichten. Unten rasen Sirenen: Man sieht sie schon von weitem kommen und in die Ferne fahren. Langsam richtet sich Langeweile in unserer Erschöpfung ein, das Warten wird gegenstandslos ganz und gar.

Erst abends traue ich mich hinab, wenn die Fremden sich wieder vertrauter sind. Mein Tiergedächtnis ist flüchtig, ich sehe jeden wie zum ersten Mal, Freund und Feind. So fletsche ich also die Zähne wieder am alten Platz. Es hat uns hierher zurückgetrieben, das Leben hat uns zurückgepfiffen. Was werden M. und ich noch anfangen in den fahlen Stunden, die dem Kämpfen folgen? Bis in die letzte Faser versehrt vom Glück wandere ich dann wieder hinauf zu den Sternen, auf allen Vieren zuletzt, und wittere die feinen Verästelungen, die unser Haus zusammenhalten.

streifgebiet

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Schleuse.

Auf einem Binnenschiff reisen wir tiefer in den Kontinent hinein, die Kanäle hinab nach Süden. Meistens sitzt M. vorne an Deck, die Landschaft zieht vorüber, riesig und gleichgültig. Wir haben tonnenweise Sand geladen, der sich als feiner Staub überall an Bord verteilt; jeder Schritt knirscht unter den Füßen. Uns ist eine Lotsenkammer im Achterschiff zugeteilt, mit Etagenbett und Küchenzeile. Lange Zeit verläuft die Fahrt ereignislos: Unser Kapitän flucht vor sich hin, wenn er das Schiff an den anderen Frachtern vorbei navigiert. Abends dann, wenn er auf dem Kunstrasen des Sonnendecks liegt, wird er ganz still und krault die Hunde.

Nach wenigen Wochen erreichen wir endlich einen Umschlaghafen, wo die Ladung gelöscht werden kann, was mit ungeheuerlicher Geschwindigkeit geschieht, in einer Bewegung werden die Taue an den Pollern festgemacht und wieder gelöst. Der Kapitän rast minutenlang die Kommandobrücke auf und ab, für einen Landgang bleibt keine Zeit. Schon sind wir wieder auf dem Fluss, und ohne zu wissen, wohin es gehen soll, schießt das leere Schiff in voller Fahrt flussabwärts. Zwar kommen wir jetzt merklich schneller voran, die Ungewissheit aber scheint uns zugleich furchtbar zu verlangsamen. Wir passieren für Stunden nichts als verbrannte Wälder und stumme Städte.

schleuse

Irgendwann fahren wir zur Talfahrt in eine Schleuse ein. Die Tore schließen sich, das Schiff liegt stabil und ruhig da, der Pegel sinkt. Bald sind wir zur Ausfahrt bereit, doch nichts geschieht. Der Kapitän flucht ins Funkgerät, die Tore bleiben geschlossen wie die Kiefer des Leviathans, dem man nicht zwischen die Zähne greifen kann. Der Schleusenwärter verschanzt sich mit wohlwollenden Gesten im Turm. Tage harren wir so aus. Die Hunde jaulen vor Hunger. Wir fischen nach Kormoranen, eine ganze Kolonie hat sich am Damm angesiedelt, nichts aber stillt unseren salzigen Hunger. Im Schutz der Nacht gehen M. und ich dann an Tauen die Wände der Schleuse hoch. Erst am Waldrand rasten wir: Dunkel liegt der Fluss im Tal, Helikopter kreisen, werfen sinnlos Licht in die Finsternis.

Redundanz.

Nachdem wir endlich übergesetzt waren, wanderten wir ein paar Tage ins Festland hinein, bis wir dann in der französischen Provinz bei einem entfernten Verwandten von M. unterkamen. Sie rief ihn »Onkel«, eine Gewohnheit noch aus Kindertagen, und so sollte ich ihn auch nennen. Der Onkel wohnt in einem kleinen, vom Wald verschluckten Chateau, das von einem halb eingefallenen Wassergraben umgeben ist. Von weitem schon winkte er uns aus dem Turmfenster zu, indem er eine Flinte und eine Flagge im Wechsel schwenkte. Im Flur lehnte er die Kaliber .22 an die Kommode und küsste uns ab. Dann stellte er uns den beiden Jungs vor, die sich an die Beine von zwei blonden Frauen klammerten, die wie aus einem Guss lächelten. Der Onkel war mit Emily verheiratet, aber ihre Schwester Mia war vor einigen Jahren hergezogen, um mit den Kindern zu helfen. Der Onkel lebte in einer Art Kommune, wie M. sogleich erklärte. Er und die Zwillinge wohnten mit den Jungs im Haupthaus, etwa ein Dutzend andere Bewohner hatten ihr Quartier in den Gäste- und Dienerwohnungen etwas abseits.

M. führte mich auf dem weitläufigen Anwesen herum, während die Zwillinge das Dinner vorbereiteten. Hinter der Koppel, auf der Esel und Pferde friedlich bei einander grasten, floss ein Bach, über den eine kleine Brücke zum Weinberg führte, wo die Reben bereits Trauben ausbildeten. Wein werde bald die neue Währung sein, davon war ihr Onkel überzeugt, sagte M. Dutzende Hände schienen auch im Gemüsegarten und den Gewächshäusern tätig zu sein; sie zeigten uns mit unverhohlenem Stolz die Einkochküche, die riesigen Regale voller Gläser. Der Großteil des Vorrats aber werde tief unter dem Haupthaus gelagert. Bei den Teichen kam uns schließlich der Onkel entgegen, einen kleinen Rehbock im Gepäck. Den hatte er geschossen, kaum war er zwei Schritte in den Wald hinein gegangen, jammerte er. Leider sei das Wild durch die Zersiedelung der Bestände arg verhaltensgestört geworden. Überhaupt, schien mir, gestaltete sich der Kampf ums Überleben, ganz zu seinem Überdruss, etwas zu leicht.

redundanz

Beim Abendessen erläuterte der Onkel erst einmal umständlich die Wappen und Verwandten an der Wand, um dann umso energischer auf die Zukunft zu sprechen zu kommen. Man müsse vorsorgen: Aus der großen Stadt, er zeigte nach Süden, würden die Horden kommen, getrieben vom Hunger, wenn alles zusammengebrochen sei. Dann würde man all das bitter brauchen, was er hier aufgebaut habe, und die Leute würden ihm dankbar sein, auch wenn er natürlich nicht jeden aufnehmen könne. Je nach Lage könnte man entweder sich hier verschanzen und das Ganze aussitzen, oder aber ausrücken und so viel mitnehmen, wie man nur tragen könne. Der Onkel hielt Pferde, da er Automobilen nicht traute, und Esel, falls man die Pferde essen musste. Und sollte man seine Stellung überrennen, würden die marodierenden Banden eine Überraschung erleben, er habe einen Teil des Vorrates nämlich sicherheitshalber vergiftet.

So saßen wir am Tisch, der Onkel am Ende und dann in Spiegelfiguren die blonden Zwillinge und die Jungs. Wir, M. und ich, hatten uns jetzt also gegen alle Wahrscheinlichkeit wiedergefunden, wir wollten uns niederlassen, wussten aber nicht, wo oder was anzufangen. Müde waren wir vom Reisen, wir wollten unser Haupt niederlegen und uns von den Vögeln füttern lassen. Doch es ging immer nur voran, als wäre das Leben ein Satz, an dem sich Wort an Wort reihte und bis zum Ende wusste man nicht, wohin sich die Syntax wenden würde. Nach einigen Tagen dann nahmen wir Abschied, winkten, bis wir außer Sichtweite waren. An der Grundstücksgrenze ließen wir die Esel laufen und trugen unser Gepäck wieder selbst, weiter in die ungefähre Richtung hinein, die uns noch am vertrautesten erschien.

Notlicht.

Nun sitzen wir fest, in einem Hotel an der Grenze, hoch über den weißen Klippen. Nachdem ich dann an Land gegangen war, hatte ich M. bald gefunden, bei ihren Verwandten in dem großen grauen Haus. Wir blieben ein paar Wochen, machten uns schließlich zur Küste auf. Grün flackert jetzt das Notlicht über dem Bett, der Rauchmelder prüft seine Funktionsfähigkeit, indem er regelmäßig piepst. Drei Mal die Woche ertönt der Feueralarm: Sirenen zerreißen die Luft, Rauchgranaten werden in den Flur geworfen, bis wir unter Tränen auf den Parkplatz flüchten, wo der Nieselregen uns die Augen wäscht. Manche unter uns scheinen in Warnwesten zu schlafen, andere gar mit Helm. Selbst bei Tage bewegen sich die Menschen langsam und mit blinkenden Lichtern versehen, unablässig Warnrufe gegen den Wind ausstoßend. Niemand weiß, was geschehen ist oder noch geschehen kann, oder ob überhaupt etwas geschehen wird; ob es besser ist, auf Stillstand zu hoffen oder auf Fortschritt.

Der Besitzer des Hotels hat sich angeblich schon lange über Nacht davongemacht, Gäste und Personal sind mittlerweile kaum mehr zu unterscheiden. Jeder hilft aus, wo er nur kann: Ich stehe in der Küche, M. müht sich damit ab, das Dach zu flicken. So halten wir den Betrieb aufrecht, ohne recht zu wissen, zu welchem Ende, wir sind zu beschäftigt, um uns damit aufzuhalten. Zu allem Überfluss wird das Hotel regelmäßig durchsucht: Man überprüft dann zwar gewissenhaft die Papiere, aber die Gesetze und Bestimmungen ändern sich so rasch, dass Verstöße festgestellt und im gleichen Atemzug wieder verworfen werden. In gelassener Ratlosigkeit fragen wir: Wann werden auch wir auf den Gleisen in den Tunnel hineinwandern, wann werden wir auf einer Fähre übersetzen? Halten wir aber abends von den Klippen Ausschau, beobachten wir: Die See ist ein Fest von auf Grund gelaufenen und noch dahintreibenden Schiffen; Menschenmassen drängen sich zum Hafen hin, dass es eine Schande ist.

So stehen wir also nach unserem Tageswerk auf den Klippen, Nordlichter leuchten rot am Himmel, regungslos liegt das Meer. Wir lesen die Zeichen, lassen uns hineinfallen in die hellen Nächte, in denen niemand schläft, wo selbst die Sterne sich unruhig wälzen. Jeden Morgen erreichen uns neue Gäste, Durchreisende, die sich einrichten, wie man sich in Sterbezimmern einzurichten pflegt. Wir aber halten die Stellung, M. pfeift eine Melodie, das Nordlicht wechselt ins Grünliche, doch so müde sind die Menschen, dass sie sich nicht mal mehr die Mühe machen, darüber ein Lächeln vorzutäuschen. Ich träume mit weit aufgerissenen Augen, mit dem Hotel auf die Wellen hinab zu schweben. Noch aber stehen wir hier, wir warten auf etwas am Horizont, wir vergraben die Finger im Gras, Lichterketten irren durch die Dunkelheit, der Herzschlag des Tages setzt kurz aus, auch unser Hotel löst sich langsam, leise ab vom Boden.

notlicht

Robinsonade.

Nennt mich unerhört, aber es ist gar nicht mal so verkehrt, in einem Wal zu wohnen. Mein Kaschelott trägt mich sicher durch Wellen und Wogen, den riesigen Schädel gefüllt mit den wunderlichsten Dingen. Hat man sich einmal mit seiner Lage wie mit der äußersten Hoffnungslosigkeit abgefunden, gibt es nirgendwo, wo man sich nicht einrichten könnte. Eben noch war ich am Strand gestanden und hatte in den Nebel gestarrt, von plötzlicher Verzweiflung getrieben watete ich ins Wasser, halb hatte mich die Kälte schon bewusstlos gebrannt, da erschien ungerufen der Wal zur Rettung, und nahm mich auf in sein freundliches Maul.

Im Herzen der Meere ist aller Laut gedämpft wie in warmer Dämmerung, in der ich mich nach einigem Tasten bald schon zurecht finde. In einer Nische baue ich aus Treibholz einen Tisch, um meine Mahlzeiten einzunehmen; eine Decke, um den Schlaf zuzudecken, schneidere ich aus Tüten, Segelstücken und den Fasern eines verrotteten Taus. Mittags klopfe ich ein wenig Tran aus; das Rat gibt Licht, wenn ich mich danach fühle. All diese Arbeiten sind unendlich mühsam, sodass ich Stunde um Stunde dafür aufwende, aber zugleich verliert Zeit mehr und mehr an Bedeutung. Ich verbringe die Tage in absoluter Einsamkeit, in stiller Zwiesprache mit meinem Wal. Ob ich unendlich tätig bin oder in Müßiggang versinke, nichts macht noch einen Unterschied.

Sogar Du, meine M., verschwindest mir. Es ist wahr, ich jage Dir nach, aber mit der Angst des Jägers, das Wild dann vor die Flinte zu bekommen. In den Morgenstunden klettere ich auf den Ausguck, um Dich auszusingen, wenn ich Dich nur erspähe. So also suche ich, unbehelligt von Schleppnetzen, bis in die Wurzeln der Berge hinein, beäuge das von Schilfgras überwucherte Ufer. Was sonst soll ich tun, eingeschlossen in meine schwebende Insel, tief begraben, wohlversorgt; niemand hat es je so gut gehabt, denke ich manchmal, ich werde vielleicht das Land auch ganz vergessen, werde weiter im Trockenen schwimmen, getröstet vom ruhigen Herzschlag meines Kaschelotts und Erinnerung.

robinsonade

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Flaschenpost.

flaschenpost

Postscriptum.

AMO156355

Liebe M.,

die Lage ist aussichtslos, trostreich, verfahren. Der Februar wird meinen Geist wohltuend reinigen, meine Habe aber ist zerstreut und schmilzt weiter dahin wie der Schmutz auf den Straßen. Drüben steckt ihr mitten in Lent, große Dinge kündigen sich an, doch in so verhenkert leisen Tönen, dass man sich leicht verhört haben kann. Herrscht denn wieder Schnee und Stillstand in den Straßen, wie in unserem letzten Frühjahr? Nur sporadisch dringen Nachrichten durch. Und selbst die bewegen sich im Ungefähr der Märchen: Ist es wahr oder auch nur wahrscheinlich, dass auf der Insel die Säue sich an Perlen mästen?

Ich lebe wieder auf den Sofas meiner Freunde, und ernähre mich von den Krumen, die man zwischen den Kissen vergessen hat, und fische nach Münzen. Bald schon will ein Boot kapern in der Nacht und mich zu Dir hinüber stehlen und unter dem Stacheldraht tauchen. Indes warte ich auf die richtigen Papiere, Dich besuchen zu dürfen. Vielleicht werde ich mir auch eine Hütte im Wald bauen, und unter dem Laub wohnen; aber, Du weißt, alleine muss ich den Wald meiden. Ich will mich in der Zwischenzeit trösten mit der Tapferkeit der Sumpfotter.

Oder aber ich nehme mir ein Fremdenzimmer in den Ausläufern der Stadt, wo der Blick ungehindert über die Ebene treibt. Oder ich gehe in die Transhumanz und verliere mich in den Triften. Im Gebirge will ich Schäfer werden und goldene Schafe züchten, die fliegen und den ganzen Tag wild fluchen. Ich und mein Stumper, wir halten die Furche, wir durchpflügen die Wüste und rufen ins Tal. Heuschrecken und wilden Honig will ich fressen, bis mein Hunger erlischt, bis die reißenden Wölfe in mir schweigen.

Du siehst, ich weiß gar nicht, wohin mit mir. Vielleicht kennst Du einen Ort, wo ich sicher untergestellt bin, bis wir uns wiedersehen? Hast Du die Möbel schon verfeuert?  Lassen Dich die falschen Propheten schlafen? Ich frage natürlich nur soviel, weil ich selbst nichts als ein Fragezeichen bin dieser Tage. So verloren sterblich sind wir und wie Geister, die in den Zeilen einander haschen, ohne sich doch greifen zu können …

Ich küsse Deine blauen Lippen.

Paul