Studium.

Eben hatten wir noch beide gehen, diese sanfte Stadt verlassen wollen, oder ihr wenigstens für eine Zeit entrinnen, und nun leite ich das Restaurant, als hätte ich nie etwas anderes getan, und M. ist endlich an die Universität berufen worden. Jahrelang hat sie den Doktorhut an den Nagel gehängt, doch jetzt soll sie Studenten mit gestopften Augen plötzlich zur Erkenntnis verhelfen. Also schleppen wir Erbstücke aus dem Keller, zierliche Möbel, Teppiche, Skulpturen, schwarze Gemälde, kistenweise Bücher, packen alles auf einen Karren und bringen es über die Brücke in ihr Büro, das in einem schmucken Barockbau wartet. Schon bald hat sie den Raum in eine wahre Räuberhöhle verwandelt, alles ist wild durcheinander geworfen; bei geschlossenen Vorhängen sitzt sie auf dem Boden, trinkt Port und macht sich Gedanken, was sie den Studenten einpflanzen will.

Die Aufgabe ist ihr nicht ganz gewachsen. Schon bald sind die Seminare berüchtigt. Gebannt hängt man an ihren Lippen, sie steht hinter dem Pult und doziert, als würde sie ein Orchester dirigieren. Sie bringt den Studenten bei, wie man spricht, wie man sich gibt und wie man lebt. Man trägt ihr die Tasche, kleine Gruppen folgen M., wohin sie auch geht, mit Augen, wie die herrenloser Hunde sind. Sie entfaltet eine blinde Betriebsamkeit, die gar nicht zu ihr passt, wer will es ihr verdenken, nach den Entbehrungen der letzten Jahre. Viele bemühen sich um Aufnahme, doch nicht alle können gerettet werden, sagt M., manche werden verloren gehen, nur die Hoffnungslosen sind der Mühe wert, diejenigen mit den aufgerissenen Lidern.

Dann bringt M. die Arbeit mit nach Hause. Die Studenten sitzen auf dem Teppich im Wohnzimmer, L. und C. stoßen dazu, und wir wälzen Gedanken, bis alle zerzaust sind und blass. Anschließend füttern wir die Studenten auf mit Pasteten und Shiraz, später steckt M. sie in die Badewanne oder lässt sie die Esel am Hang kraulen. So vergehen ein paar Wochen und als sie kräftig genug wirken und die Sonne hoch am Himmel steht, drückt M. den Studenten Schaufeln in die Hand und nach und nach legen wir einen Weinberg an. Manche verschwinden ohne Gruß und Spur, aber viele entscheiden sich zu bleiben. Es wird geschaufelt und gepflanzt und am Ende des Semesters sitzen alle vor der Hütte am Hang; wir betrachten unser Werk, das Abendrot bringt Kühle, wir reichen einander die zerfurchten Hände. Da lacht C. und lacht und wir lachen alle am Ende und unser Gelächter muss im Tal widerhallen, als lachten die Götter.

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9 Kommentare zu “Studium.

  1. Pingback: Lücke. | Paul Fehm

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