Non.

Nichts ist schöner, als einen Satz abzuschließen. Bis dahin flattern doch die Wörter wie Wäschestücke an der Leine und der Wind weht einem ins Gesicht – man lässt ja auch nicht den letzten Schluck Wein im Glas, man trinkt aus, erhebt und verbeugt sich in einer einzigen Bewegung (und wo ist hier Anfang, wo Ende), der Besuch ist vorbei, man geht die Stufen hinab in ein sanfteres Tier verwandelt. Irgendwann endet ganz gewiss auch die Nacht, Vögel durchbrechen ihre Stille, doch niemand hört den ersten Akkord, wie auch niemand das Ende der Kindheit oder der Jugend bemerkt; alle Schlußstriche laufen in langen Linien aus, die sich bald zu neuen Höhen und Gestalten aufschwingen.

Bis etwas schlüssig ist, liegt es verloren da in der Welt; wir warten auf das Ende von Schmerzen und von langweiligen Vorträgen, wir sind ungeduldig auf das Auslaufen der Träume, damit uns die geliebten Augen morgens endlich wieder anblicken; bange harren wir aus, bis der Abpfiff ertönt oder bis die Lerche den Morgen singt, und auch den Gong zur Pause erhorchen wir, noch ehe man ihn schlägt. Das Ende des Buchs haben wir beim Lesen fest im Blick und atmen auf, wenn sich das Gewicht der Seiten von der rechten in die linke Hand verlagert hat.

Jede Suade kommt einmal zu einem Ende. Und doch öffnen sich die Lippen, sobald sich die Lider auftun; Fenster fliegen auf, Licht fegt durch die Stuben wie eine Brise, von der noch niemand weiß, was sie mit sich bringt. Rote Bänder wehen in den Adern, wenn der Tag anbricht. Wer aber wiegt sich in den Händen der Zunge, einen Satz ins Ungefähre hinein zu beginnen,

8 Kommentare zu “Non.

  1. In der Tat: eine sehr poetische Beschreibung des Schreibprozesses!

    Ja, einen Satz zu beenden, insbesondere eine längere Satzperiode, ist schon ein besonderes Glück, aber ich denke, das Glück ist am größten in den Moment, da die Sätze sich zu einem schlüssigen Text zusammenfügen. Oder sind es doch die Momentverläufe, in denen die „langen Linien“ der Gedanken sich von einem Satz zum nächsten zu immer „neuen Höhen und Gestalten aufschwingen“, wie Paul Fehm hier so treffend formuliert?

    Vielleicht erlebt es auch jeder anders, sich in den „Händen der Zunge“ zu wiegen … ins Ungefähre hinein geht es dabei doch aber immer, oder? Ist das nicht gerade das Aufregende am Schreiben, das Magische geradezu, daß die Worte nicht von Anfang an feststehen, sondern im jeweiligen Moment erst e r s c h e i n e n ?

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