Inkubation.

4.1.2P1Man muss die Menschen meiden, einmal mehr. Was bleibt, die Wahl zwischen Verhungern und Vergiften, nichts zu essen, oder aber, was einen vielleicht umbringt. Am Hang wüten nachts die Wildschweine oder Wölfe, graben nach Futter im Schlamm. Die Spuren sind eindeutig. Seitdem der Weg hinab verschüttet wurde, haben die Esel sich im Wald verschanzt. Bisweilen hört man sie schreien. Wir brüten im Haus, darüber, was zu tun ist. Sorgsam regeln wir die Temperatur, die Luftfeuchtigkeit, wir ziehen Salat in der Badewanne.

Leise verabschieden wir uns von alten Gewohnheiten, und das lässt uns langsam klarer sehen. Was lange überspielt wurde, bricht aus uns heraus. Die Lage ist ernst und wir wissen nichts damit anzufangen. Der Bettkasten ist vollgestopft mit losem Bargeld, doch wir trauen uns kaum, einkaufen zu gehen. Die Vorräte des Onkels liegen im Keller bereit. Freunde gehen ein und aus, mit schweren Taschen davon. Die Stadt liegt siech am Ufer drüben. Eine eigenartige Fröhlichkeit liegt in der Luft, Magnolien parfümieren den Westwind.

Vielleicht ist unser Geld bald nichts wert, oder unsere Geduld, vielleicht erfüllt sich unsere Angst, vor der Zeit zu sterben. Wir lachen mehr als sonst, Krähen sammeln sich abends auf dem Dach, wir schmecken Moos und Harz und feuchte Tannen am Morgen. Man traut sich nicht mehr über den Weg. Jeder ist ein Verhängnis. Wenn wir unsere Freunde umarmen, wissen wir, was wir tun. Irgendwann kommt niemand mehr. Endlich haben wir uns doch eine Hütte im Wald gebaut, hoch über dem Haus am Hang. Die Esel sind verlässliche Wächter. Mit meinem Feldstecher schaue ich auf alles, was sich bewegt.

4 Kommentare zu “Inkubation.

  1. Danke für diesen Text. da finde ich mein Befinden wieder. unsere Unwägbarkeiten für demnächst.

    und die verschanzten Esel, wühlenden Wildschweine und wir sitzen zuhaus und brüten, hab ich direkt vor den Augen. die mit losem bargeld vollgestopften Bettkästen – da ging ich vom Lächeln ins Grinsen. aber Krähen, die kamen heute in Berlin auch in Scharen und übernahmen scheisslaut das Gelände. – jeder ist ein Verhängnis – das trifft es auch gut. grassierendes Misstrauen. ich erlebe es an mir selbst.

    aber dein Text ist positiv, hat meinen Nerv, mein Befinden getroffen, Du hast die Worte und Bilder gefunden … ich hab das gern gelesen. war das beste, persönlichste, heute.

    Die Rückkehr der Esel als Wächter finde ich ja beruhigend. ^^

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