Fährdienst.

Am Ufer treibe ich wie Wurzeln meine Hände in den Schlamm, ich finde gerade genug Halt, um das Boot zu landen. Wir haben einen Fährdienst über den Fluss eingerichtet: Die Brücken sind unpassierbar, liegen verbrannt und nutzlos im Wasser. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen jeden Tag übersetzen wollen. Bisweilen bilden sich Schlangen vor der Schneise in der Böschung, wo unser Ankerplatz versteckt liegt. Manche haben es furchtbar eilig, andere warten in lämmergleicher Geduld. Die Passagiere entrichten, was sie entbehren können. Während ich rudere, übernimmt M. das Steuer. Die Strömung aber macht es uns schwer, eine gerade Linie zu halten.

Wir befördern jeden ohne Unterschied, doch wir trösten und belehren nicht, so bitter viele auch sind. Jede Auskunft müssen wir verweigern, wenn sie ängstlich nach dem Weiter fragen. Wir setzen sie nur nach Art des Menschenmöglichen über. Metall und Stein ragt wie ein Riff aus dem Fluss, vorsichtig umfahren wir das Hindernis. Unruhe kommt auf. Wenn sie in Gruppen reisen, drängen alle gleich nach einem Platz an der Sonne. Nur mit gezielten Peitschenhieben kann M. die Passagiere in Schach halten. Ihre Schemen ragen in das Nichts, in den Augen lodert fatalistischer Triumph.

fähre

Manchmal klammert sich wer an die Ruder, will die Fahrt noch beschleunigen, doch verzögert er damit in Wahrheit nur die Ankunft. Bald lässt er ab, ein jeder muss sich am Ende im Strom treiben lassen. Man rudert dann mit den Armen in der Luft weiter, um wenigstens die Muskeln in Form zu halten. Manche jammern, weil sie im Begriff stehen, alles zu verlieren oder erwägen lautstark, ihren Anspruch auf Glück wie ein Geburtsrecht einzuklagen. Es hat etwas Empörendes, wie sich die Dinge gewendet haben. Ein großer Betrug geht vor, und wer in aller Welt will schon betrogen werden. Man breitet am Ende gar die Arme aus im Wind, sich rasch noch in einen Falter zu verwandeln.

So also erhalten wir unser Leben. Wir machen zudem ein Schleppnetz hinten am Boot fest, und klauben dann am Ende des Tages aus den Maschen, was sich nicht hat befreien können. Wir finden viel Unrat, ein paar kleine silberne Fische, die sich winden, Flusskrebse, Schrott, Munitionshülsen, ab und an eine verirrte Barbe. Abends dann kommt Wind auf, der durchs Tal fegt. Der Fluss liegt vergessen da unter den duftenden Gärten, wo man vielleicht wieder Treibgut, rücklings wie Fische, erspähen kann. Wer aber ließe sich noch zwingen, die Dinge ganz ohne Augenschließen anzusehen? Der Blick gleitet hinweg mit der Leichtigkeit, mit der jetzt die Klinge in den Bauch der Barbe fährt.

4 Kommentare zu “Fährdienst.

  1. Wunderbarer Text. So passend. Ich sah mich gestern als Seiltänzer über dem Höllengrund, den Blick gewollt nach vorn gerichtet oder ins Himmelsblau über mir. Und dann schaue ich doch nach unten und sehe… Die Fahrt über den gefährlichen Fluss, der Wille, anzukommen, das ist es auch und alles andere, was Sie noch beschreiben. Vielen Dank! Ein Geschenk.

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