Notlicht.

Nun sitzen wir fest, in einem Hotel an der Grenze, hoch über den weißen Klippen. Nachdem ich dann an Land gegangen war, hatte ich M. bald gefunden, bei ihren Verwandten in dem großen grauen Haus. Wir blieben ein paar Wochen, machten uns schließlich zur Küste auf. Grün flackert jetzt das Notlicht über dem Bett, der Rauchmelder prüft seine Funktionsfähigkeit, indem er regelmäßig piepst. Drei Mal die Woche ertönt der Feueralarm: Sirenen zerreißen die Luft, Rauchgranaten werden in den Flur geworfen, bis wir unter Tränen auf den Parkplatz flüchten, wo der Nieselregen uns die Augen wäscht. Manche unter uns scheinen in Warnwesten zu schlafen, andere gar mit Helm. Selbst bei Tage bewegen sich die Menschen langsam und mit blinkenden Lichtern versehen, unablässig Warnrufe gegen den Wind ausstoßend. Niemand weiß, was geschehen ist oder noch geschehen kann, oder ob überhaupt etwas geschehen wird; ob es besser ist, auf Stillstand zu hoffen oder auf Fortschritt.

Der Besitzer des Hotels hat sich angeblich schon lange über Nacht davongemacht, Gäste und Personal sind mittlerweile kaum mehr zu unterscheiden. Jeder hilft aus, wo er nur kann: Ich stehe in der Küche, M. müht sich damit ab, das Dach zu flicken. So halten wir den Betrieb aufrecht, ohne recht zu wissen, zu welchem Ende, wir sind zu beschäftigt, um uns damit aufzuhalten. Zu allem Überfluss wird das Hotel regelmäßig durchsucht: Man überprüft dann zwar gewissenhaft die Papiere, aber die Gesetze und Bestimmungen ändern sich so rasch, dass Verstöße festgestellt und im gleichen Atemzug wieder verworfen werden. In gelassener Ratlosigkeit fragen wir: Wann werden auch wir auf den Gleisen in den Tunnel hineinwandern, wann werden wir auf einer Fähre übersetzen? Halten wir aber abends von den Klippen Ausschau, beobachten wir: Die See ist ein Fest von auf Grund gelaufenen und noch dahintreibenden Schiffen; Menschenmassen drängen sich zum Hafen hin, dass es eine Schande ist.

So stehen wir also nach unserem Tageswerk auf den Klippen, Nordlichter leuchten rot am Himmel, regungslos liegt das Meer. Wir lesen die Zeichen, lassen uns hineinfallen in die hellen Nächte, in denen niemand schläft, wo selbst die Sterne sich unruhig wälzen. Jeden Morgen erreichen uns neue Gäste, Durchreisende, die sich einrichten, wie man sich in Sterbezimmern einzurichten pflegt. Wir aber halten die Stellung, M. pfeift eine Melodie, das Nordlicht wechselt ins Grünliche, doch so müde sind die Menschen, dass sie sich nicht mal mehr die Mühe machen, darüber ein Lächeln vorzutäuschen. Ich träume mit weit aufgerissenen Augen, mit dem Hotel auf die Wellen hinab zu schweben. Noch aber stehen wir hier, wir warten auf etwas am Horizont, wir vergraben die Finger im Gras, Lichterketten irren durch die Dunkelheit, der Herzschlag des Tages setzt kurz aus, auch unser Hotel löst sich langsam, leise ab vom Boden.

notlicht

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3 Kommentare zu “Notlicht.

  1. Pingback: Redundanz. | Paul Fehm

  2. Ein spannender Beitrag, der mich regelrecht gefesselt hat. Das liebe ich bei Büchern oder Kurzgeschichten – das Abtauchen in andere Welten. Dem Alltag entfliehen. Ich verfolge deinen Blog schon seit geraumer Zeit, weil mir die Beiträge echt gut gefallen und das ermöglichen, was ich liebe – träumen.

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