Robinsonade.

Nennt mich unerhört, aber es ist gar nicht mal so verkehrt, in einem Wal zu wohnen. Mein Kaschelott trägt mich sicher durch Wellen und Wogen, den riesigen Schädel gefüllt mit den wunderlichsten Dingen. Hat man sich einmal mit seiner Lage wie mit der äußersten Hoffnungslosigkeit abgefunden, gibt es nirgendwo, wo man sich nicht einrichten könnte. Eben noch war ich am Strand gestanden und hatte in den Nebel gestarrt, von plötzlicher Verzweiflung getrieben watete ich ins Wasser, halb hatte mich die Kälte schon bewusstlos gebrannt, da erschien ungerufen der Wal zur Rettung, und nahm mich auf in sein freundliches Maul.

Im Herzen der Meere ist aller Laut gedämpft wie in warmer Dämmerung, in der ich mich nach einigem Tasten bald schon zurecht finde. In einer Nische baue ich aus Treibholz einen Tisch, um meine Mahlzeiten einzunehmen; eine Decke, um den Schlaf zuzudecken, schneidere ich aus Tüten, Segelstücken und den Fasern eines verrotteten Taus. Mittags klopfe ich ein wenig Tran aus; das Rat gibt Licht, wenn ich mich danach fühle. All diese Arbeiten sind unendlich mühsam, sodass ich Stunde um Stunde dafür aufwende, aber zugleich verliert Zeit mehr und mehr an Bedeutung. Ich verbringe die Tage in absoluter Einsamkeit, in stiller Zwiesprache mit meinem Wal. Ob ich unendlich tätig bin oder in Müßiggang versinke, nichts macht noch einen Unterschied.

Sogar Du, meine M., verschwindest mir. Es ist wahr, ich jage Dir nach, aber mit der Angst des Jägers, das Wild dann vor die Flinte zu bekommen. In den Morgenstunden klettere ich auf den Ausguck, um Dich auszusingen, wenn ich Dich nur erspähe. So also suche ich, unbehelligt von Schleppnetzen, bis in die Wurzeln der Berge hinein, beäuge das von Schilfgras überwucherte Ufer. Was sonst soll ich tun, eingeschlossen in meine schwebende Insel, tief begraben, wohlversorgt; niemand hat es je so gut gehabt, denke ich manchmal, ich werde vielleicht das Land auch ganz vergessen, werde weiter im Trockenen schwimmen, getröstet vom ruhigen Herzschlag meines Kaschelotts und Erinnerung.

robinsonade

3 Kommentare zu “Robinsonade.

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