Postscriptum.

AMO156355

Liebe M.,

die Lage ist aussichtslos, trostreich, verfahren. Der Februar wird meinen Geist wohltuend reinigen, meine Habe aber ist zerstreut und schmilzt weiter dahin wie der Schmutz auf den Straßen. Drüben steckt ihr mitten in Lent, große Dinge kündigen sich an, doch in so verhenkert leisen Tönen, dass man sich leicht verhört haben kann. Herrscht denn wieder Schnee und Stillstand in den Straßen, wie in unserem letzten Frühjahr? Nur sporadisch dringen Nachrichten durch. Und selbst die bewegen sich im Ungefähr der Märchen: Ist es wahr oder auch nur wahrscheinlich, dass auf der Insel die Säue sich an Perlen mästen?

Ich lebe wieder auf den Sofas meiner Freunde, und ernähre mich von den Krumen, die man zwischen den Kissen vergessen hat, und fische nach Münzen. Bald schon will ein Boot kapern in der Nacht und mich zu Dir hinüber stehlen und unter dem Stacheldraht tauchen. Indes warte ich auf die richtigen Papiere, Dich besuchen zu dürfen. Vielleicht werde ich mir auch eine Hütte im Wald bauen, und unter dem Laub wohnen; aber, Du weißt, alleine muss ich den Wald meiden. Ich will mich in der Zwischenzeit trösten mit der Tapferkeit der Sumpfotter.

Oder aber ich nehme mir ein Fremdenzimmer in den Ausläufern der Stadt, wo der Blick ungehindert über die Ebene treibt. Oder ich gehe in die Transhumanz und verliere mich in den Triften. Im Gebirge will ich Schäfer werden und goldene Schafe züchten, die fliegen und den ganzen Tag wild fluchen. Ich und mein Stumper, wir halten die Furche, wir durchpflügen die Wüste und rufen ins Tal. Heuschrecken und wilden Honig will ich fressen, bis mein Hunger erlischt, bis die reißenden Wölfe in mir schweigen.

Du siehst, ich weiß gar nicht, wohin mit mir. Vielleicht kennst Du einen Ort, wo ich sicher untergestellt bin, bis wir uns wiedersehen? Hast Du die Möbel schon verfeuert?  Lassen Dich die falschen Propheten schlafen? Ich frage natürlich nur soviel, weil ich selbst nichts als ein Fragezeichen bin dieser Tage. So verloren sterblich sind wir und wie Geister, die in den Zeilen einander haschen, ohne sich doch greifen zu können …

Ich küsse Deine blauen Lippen.

Paul

 

 

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