Abkommen.

Den 20. dann erklärten sie unsere Präsenz offiziell zum Frevel. Mitten in der Nacht hatten wir einen Anruf bekommen, den wir eilig waren, abzulehnen. Das Fanal zum Aufbruch war kaum verhallt, als sich das Gegenwärtige schon in Erinnerung verwandelte; das erloschene Lächeln der Stadt ließ mich zum Geist erstarren. Hier und da schenkte mir wer vielleicht noch einen aufmunternden Blick, aber wie aus lang abgelegten Träumen, aus verblasster Leidenschaft für fremde Gesichter, die bald verschwinden würden. Die Küche war rasch kalt geblieben, Tomasz hatte sich als einer der ersten davongestohlen. Dann blieben auch die Kammern kalt, auch die Klempner waren fort. Bei offenem Fenster rußten die Kamine vor sich hin.

Täglich wanderte ich nun zum Bahnhof, um Fahrscheine zu ergattern. Und irgendwann war die Stunde hereingebrochen: wir klappten die Koffer zu, schlossen uns dem Treck an. Am Bahnsteig wollte man uns in Gruppen einteilen; es gab Wagen für Ausreisende und solche, die den Wiederkehrern vorbehalten waren. Als sie M. und mich trennten, protestierten wir und beharrten darauf, gemeinsam zu reisen. Ich verwies auf ihr rotes Haar, das ihren Geburtsort, Shankill, Belfast, bezeugte. Der erste Grenzübergang winkte uns eilig durch, um das Problem schnell aus den Augen zu sehen. Vor der zweiten Sicherheitsschleuse hatten sich endlose Schlangen gebildet; bunte Pässe in der einen, den Koffer in der anderen Hand standen wir da. Man musterte uns eindringlich. Nur mit Not wurden die passenden Formulare gefunden. M. kreuzte ein paar Boxen an, bis man zufrieden mit dem Kopf wackelte und uns passieren ließ.

abkommen

Nach ein paar Stunden setzte sich der Zug nahezu lautlos in Bewegung. Wir, gemeinsam mit den anderen Subjekten, saßen zusammengepfercht auf unseren Koffern im Gang, M. aufrecht wie auf einem Thron, die schmutzigen Schuhe in der Luft. Das Land lag neblig da und leer, Bauruinen säumten die Trasse; Lastwagenkolonnen standen auf den Straßen. Die Zukunft dräute: Kommunen und Gartenstädte sprossen aus dem Boden, finanziert von beschäftigungslosen Bänkern; die Vertriebenen und Habenichtse der großen Stadt indes flüchteten sich in verlassene Landhäuser. Vom Regen ausgewaschen ragten Flaggen in den grauen Himmel. Rauch flatterte im aufkommenden Wind. Dann verschlang jäh einsetzend uns die Dämmerung.

Jeder hing seinen Gedanken nach, bis sie langsam im Sande verliefen und einem angenehmen Nichts Raum gaben. Unterm Kanal dann zog M. Champagner aus den Tiefen ihrer Tasche; der Weinkeller war in den Tumulten der letzten Tage geplündert worden. Als die Flasche von Hand zu Hand wanderte und wir still auf die andere Seite warteten, ergriff mich großer Schwindel vor dem Tod, mehr noch vor dem Leben, vor M.s Schönheit, vor der Melodie, die einer anstimmte, und ein schlimmes Grauen und helles Glück, und so schwammen wir unter dem Meer, kopfüber, in einer Woge von Licht, wie wir einander ruhig in die Gesichter sahen, als fänden wir darin festen Grund. So fuhren wir hin.

Werbeanzeigen

5 Kommentare zu “Abkommen.

  1. Pingback: Postscriptum. | Paul Fehm

  2. Pingback: Robinsonade. | Paul Fehm

  3. Pingback: Notlicht. | Paul Fehm

  4. Pingback: Redundanz. | Paul Fehm

  5. Pingback: Schleuse. | Paul Fehm

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s