Identität.

Ich wollte nur rasch meine Geldbörse holen, die ich nach Feierabend in der Küche hatte liegen lassen. Im Spiegelsaal blieb ich kurz stehen und zupfte meine Fliege zurecht. Die langen Tische waren für das Recruitment Dinner der Unternehmensberatung schon eingedeckt, die sich im College eingemietet hatte. Lautstark ließ sich der Empfang vom Foyer her hören. Ich hatte noch geholfen, alles vorzubereiten, heute Abend aber würden M. und ich ausgehen, ins Alimentum, das erste Haus am Platz. Nur meine Fliege zeigte sich noch widerspenstig. Da schlüpfte ein Anzug durch die Tür, erspähte mich und schon stand er vor mir. Der Mann war rotwangig, bartlos, grau gefärbte Schläfen, die Augen blutunterlaufen.

Wir schüttelten Hände, er stammelte meinen Namen nach. »Ich möchte Dir nicht zu nahe treten«, sagte er, und ich atmete seinen Mundgeruch, »aber wir suchen gerade jemanden exakt wie Dich.« Auf meinen fragenden Blick hin fuhr er fort: »Jemanden, der sich auch mal abseilt, der sich nicht am lauwarmen Champagner besäuft, der die Kräfte sammelt, im rechten Augenblick zu glänzen.« Ich setzte ein paar Worte an, um das Missverständnis aufzuklären, aber er unterbrach mich: »Wir, gerade in diesen schwierigen Zeiten, bauen auf Leute mit Migrationshintergrund, so einer ist flexibel, der ist vertraut mit der Stärke schwacher Bindungen. Das ist wichtig fürs Geschäft.«identität

Nach einem prüfenden Blick kniff er mir in den Oberarm und bog ihn mehrmals hin und her. »Ich sehe schon, da lässt sich noch einiges entwickeln. Um dir gleich mal so ein 360-Grad-Feedback zu geben. Aber keine Sorge, wir werden das Kind schon schaukeln, wir brauchen einen Leithammel zwischen den Schafen. Jemanden, der zum Beispiel den Sauladen hier mal umkrempelt. Viel zu viel Personal, das nur rumsteht und lächelt. Der Champagner ist ein Witz, und diese Häppchen auch nicht so der Bringer. Aber erklären Sie das mal den Polski da draußen.« Unser Kitchen Porter Tomasz würde ihn, ohne mit der Wimper zu zucken, durch den Fleischwolf ziehen.

Da aber trat der Anzug mir wieder auf die Füße: »Was bist Du eigentlich genau?« Also erklärte ich mich: »Ich bin x mit y sexueller Orientierung und z Vorfahren. Mein Geschlecht ist quasi dies, meine Blutgruppe das, und folgendes meine Schäden und Empfindlichkeiten.« Er nickte zufrieden und auch ich hatte das Gefühl, dass noch nie ein Bewerbungsgespräch so gut gelaufen war. »Kommen Sie auch mit Negern und Emanzen klar?«, fragte er. Ich wies entschieden auf meine nigerianischen Vorfahren hin, deren Stammesführerinnen damals koloniale Phalli an den Marterpfahl genagelt hatten. Das überzeugte ihn dann vollends. »Sie stehen jedenfalls auf der richtigen Seite. Das Dinner kannst Du Dir sparen, willkommen im Club.« Im Gratulieren steckte er mir seine Visitenkarte zu, woraufhin ich ihm die Nummer meines Metzgers überreichte. – Was würde meine M. dazu sagen? Dass ich sie hatte warten lassen für so etwas?

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Ein Kommentar zu “Identität.

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