Refugium.

Wie unversehens fanden wir uns dann im Garten eingeschlossen. Unter dem alten Maulbeerbaum hatten wir die Zeit vertan, die letzten hellen Stunden des Herbsts. Um uns verschwanden vereinzelte Beeren, Nüsse unter der Erde, blühten die Blätter leise auf im fliehenden Licht. Als es stiller wurde, ein dunkler Wind aufkam, zog es jeden zurück in seine angestammte Traurigkeit. Der Weg hinein aber war versperrt, wir rüttelten am Tor vergeblich. Hohe Mauern hegten den Garten ringsum ein, wir suchten nach einem Durchschlupf, und fanden keinen. Auch unsere Rufe trug der Wind ungehört mit sich fort. Bald fanden wir uns ab mit dem blind zugeteilten Glück.

Schon haben wir eine Zuflucht für die Nacht hergerichtet, lassen uns fallen in jene abgelegten Träume der Kindheit. Die Dämmerung bevölkert mit den tollsten Lebewesen den Garten, Gestalten mit kühn geschwungenem Rücken und Schweif schleichen, wo wir im Gras sitzen, vorüber, Arm in Arm verschlungen, wo wir Haken schlagen und ins Leere laufen, und ich streiche über die Linie deiner Gestalt, den Bauch, wir stecken die Nasen zusammen, zähmen einander das Haar, Schattenachse, Tropfen fallen, tanzende Taille, und der Garten flüstert uns ins Ohr, wir überspannen den Bogen, und hier finden wir zusammen, und hier schweben wir.

Der Morgen brachte unaufhaltsam und tröstend den Lärm der Stadt, und er schenkte graues Licht, das Tor tat sich auf von Zauberhand, wir gingen zögerlich hindurch. Jeder verfolgte sogleich seine Wege. Fremde Sprachen irrten über den Platz, Kastanien prasselten aufs Pflaster. Regen setzte ein. Ein paar Schirme rissen an Händen. Die Flucht war allgemein, schon in der Frühe suchte man Schlaf und Vergessen. Wie ärgerlich über das erlebte Glück knallte schließlich hinter mir die Tür ins Schloss. Mich drängt das Grauen unwiderstehlich an den Schreibtisch, von diesem Garten zu sprechen, wo wir uns eingeschlossen finden, wo wir ruhen mit allen Geschöpfen und ihrer Schöpfung.

refugium

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