Morgen.

Das Kalenderblatt ist abgerissen, der Kaffee aufgesetzt, mir steht ein gewöhnlicher Tag daheim bevor. Von einer seltsamen Unruhe getrieben gehe ich zur Tür, und schon, als ich sie nur einen Spalt geöffnet habe, ist es geschehen: Ein Paket steht fraglos auf der Schwelle, weder klein noch groß, neutrales Braun. Ich habe nichts bestellt, aber es hat auch keinen Zweck zu leugnen, dass darauf mein Name steht, das hat ein unvorsichtiger Blick längst schon registriert. Es ist übrigens ein wunderbarer Morgen draußen, der Himmel klar und bereit, sich mit dem tiefen Blau zu färben, das für die Hitze dieser Wochen so charakteristisch ist. Barfuß hinke ich ein paar Schritte auf dem gelben Gras. Verlassen vom Verkehr liegen die Straßen. Ein paar Dohlen zerren an einem Kadaver, im Augenwinkel aber lauert weiter das Päckchen.

Unverrückbar liegt die Kiste vor der Haustür, als ich die Stufen langsam hinaufgehe. Die lange Reise hat ihren Tribut gefordert, eine Ecke ist eingerissen, die Farbe an der Seite abgewetzt. Eine Vielzahl fremdartiger Stempel und Schriften hat sich auf dem Paket ausgebreitet wie eine Krankheit. Ich wende es in den Händen hin und her, weine und seufze ein wenig. Vielleicht ist es ja ein Geschenk von jemandem in der Ferne, ein grüßendes Rätsel, vielleicht nur Scherz und Hohn. Ich denke an den Kaffee, der drinnen kalt wird, an die ungezählten Dinge, die noch zu erledigen sind, und wie soll ich mit dem Paket jetzt verfahren, ohne den Inhalt zu beschädigen? Mir mangelt es an passendem Werkzeug, und selbst wenn ein chirurgischer Eingriff gelänge, doch wem?, der Inhalt kann schließlich doch gefährlich sein, ein Tiger etwa, der mich umstandslos in den verbrannten Busch zerrt, oder schlimmeres.

Der Himmel ist nun nahezu wolkenlos. Ein paar schwarze Punkte schwimmen darin, aber nur lose. Möglicherweise sind in der Ferne Sirenen zu hören. Ich könnte auch mit einigem Anlauf über das Paket hinüber springen, die Tür hinter mir ins Schloss fallen lassen, und tue schon einen zögerlichen Schritt, der aber ohne Folgen bleibt. Man weiß nie so recht, was der Tag bringen wird, denke ich stumpf, vielleicht nur vom ungewohnten Mangel an Kaffee verwirrt. Ich stütze mich auf das Päckchen, von plötzlichem Schwindel erfasst. In wildem Entschluss zwänge ich meinen Kopf in das Paket, krieche ganz hinein, verliere mich nur kurz, ehe ich mich auf den Rücken gleiten lasse. Die Beine zum Himmel gestreckt, der Himmel schwankt blau, was ein wunderbarer Morgen, gebe ich Namen und Anschrift an die Wolken weiter.

morgen

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