Liegenschaft.

Ein Nachbar hat mir sein Haus hinterlassen. Niemals zuvor hatte ich es betreten, seit mehr als fünf Jahren schon war er jetzt verschollen. Hoffnung, dass er wieder gefunden werden könnte, besteht nicht, nun fiel das Haus mir zu. Wände weiß und blank, Möbel, verloren in den leeren Räumen. All seine Habe hatte er heimlich weggeschafft, den Schlüssel stecken lassen. Ich erinnere mich an den Abend, als man bei mir klingelte und sich erkundigte. Doch hatte ich mit dem alten Mann nur gesprochen, was man zwischen Tür und Angel, im dunklen Lärm der Straße, eben so abtun kann.

Nun ging ich durch die im Licht schwimmenden Zimmer. Wie Schnee hatte sich Staub auf einer Kommode gesammelt. Ich zog hier und da, weniger aus Neugier, mehr aus Verlegenheit, eine Lade auf. Die meisten Schubladen waren leer, nur im Schreibtisch dann fand ich Dutzende leere Hefte, die Blankoseiten zerlesen, als hätte jemand ausführlich darin geblättert. Ich legte sie auf den Tisch, um sie später vielleicht mitzunehmen.

Da stand ein Mann im Türrahmen. Er entschuldigte sich für sein Eindringen und stellte sich als Bruder meines Nachbarn vor. Er wolle nur noch einmal durch das Haus gehen, sozusagen Abschied nehmen, das sei alles. Als er den Stapel von Heften sah, seufzte er auf. Ich könne mir keinen rechten Reim darauf machen, sagte ich. Die Hefte seien offensichtlich in Gebrauch gewesen und doch sei anscheinend niemals etwas in sie hinein geschrieben worden. Oder vielleicht unsichtbare Tinte? Ich hielt probeweise ein Blatt gegen das Licht.

was-bleibt

Nein, das sicher nicht, sagte er da. Ich müsse wissen, dass sein Bruder auf seine alten Tage hin irgendwann nur noch bestrebt gewesen sei, den Kreis seiner Existenz mehr und mehr einzugrenzen. Er habe ihn oft gesehen mit diesen Heften, da hatte er aber auch schon alle Bücher weggeschafft und lange aufgehört, zu schreiben. Und gleichwohl habe er in den Heften seine Gedanken aufgezeichnet. Das sei seine Art gewesen, zu schreiben, ohne zu schreiben, nun würde er vielleicht leben, ohne zu leben, wer wusste das schon.

Ich nickte fragend und nahm die Hefte an mich. Kaum konnte ich sagen, ob mein Nachbar nun das Ebenbild seines Bruder war, oder ob er ihm überhaupt nicht ähnelte. Er stand am Fenster und sah zum Hof hinunter. »Was wird nun mit dem Haus geschehen?« – »Was werde ich schon tun? Ich öffne die Türen und die Fenster, der Wind wird das Dach forttragen, die Tiere in den Nischen nisten und wühlen, bis kein Stein mehr auf dem anderen liegt. Das wäre in seinem Sinne, meinen Sie nicht?«

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15 Kommentare zu “Liegenschaft.

  1. hi Paul, danke für diese geschichte.
    der anfang hat mich etwas irritiert, ich musste ihn zwei mal lesen, bevor ich in die geschichte rein kam.
    das ende gefällt mir, es ist herrlich überraschend und poetisch <3

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  2. schöne geschichte. liest sich so, als sei es genauso geschehen. ich wünsche mir fürs haus, dass es nicht zerfallen muss. jedenfalls nicht so bald. es besitzt so viel atmosphäre, wie ich aus dem geschriebenen entnehme, ich möchte einfach, dass es noch bleibt.

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