Vom Zuhören. (4)

[…]

Nachdem er sich der allgemeinem Aufmerksamkeit nochmals versichert hatte, kündigte der Alte an, jetzt alles und zwar endgültig und ein für alle Mal erklären zu wollen. Da die Angelegenheit so wichtig sei, müsse man sie rücksichtslos aus sich rauspfeifen: Das Leben ist so lange, begann er die Rede, dass man zusehen muss, wie man es aushält. Ich sage nicht, dass es schlecht oder gut ist, es ist nun einmal da, was will man machen, da kann man viel drüber reden, man kommt doch nicht weiter, aber eins, das fühlt man irgendwann, wir alle fühlen es, und wenn nicht, dann verleugnet man alles, was man nur ist. Der Himmel über mir und das Herz in mir, meine Damen und Herren, diese beiden geben mir zu verstehen, dass uns die Freiheit verfolgt, und der einzige Weg, ihrer gerechten, aber grausamen Forderung zu entkommen, ist es, sich ihr zu stellen.

Als endlich auch die Katze ihre Ohren aufstellte, fuhr er mit triumphierendem Blick fort: Manche werden heimlich irre auf der Flucht, weil sie sich einrichten und anfreunden, mir aber war es nicht möglich, der Sirene Freiheit zu entgehen, sie hat mich eingeholt, aus der Bahn geworfen, meine Karriere habe ich ihr geopfert, meine Gesundheit, die Familie, was soll dann die Freiheit, höre ich euch sagen, aber sie ist blind, ist wie ein brennender Wind in der Wüste, der dich vorwärts peitscht. Das Leben ist zu lange, um dem standzuhalten, man wird mürbe, man muss nachgeben. Aber hier sage ich euch, auch ihr habt nichts zu verlieren als den Verlust der Freiheit, lasst liegen, was euch beschwert, und folgt mir nach, ein letzter Schluck, ein letzter Biss, und es ist die Welt, die wir umwerfen werden!

zuhoren

Er leerte sie in einem Zug, warf die Weinflasche an die Wand. Da sprangen die Männer an der Bar auf und zerschmetterten die Gläser am Schädel des Nachbarn. Dann waren sie auch schon alle aus der Tür, zuletzt schlüpfte noch die Katze durch den Spalt. Der Wirt fegte mit bloßen Händen die blutigen Scherben zusammen. Paul saß da und ritzte mit dem Fingernagel Zeichen in den Tisch. Als Karo den Mund öffnete, kam kein einziger Laut, sie hustete, nichts geschah, sie glaubte zu ersticken. Da endlich beugte er sich zu ihr herab, wie um etwas zu sagen, das aber im Geprassel, wie von Regen, unterging.

Es war der Applaus, der sie aus den Gedanken riss. Der alte Mann am Pult lächelte, zog sich Sonnenbrille und Hut wieder an, dann löste sich alles schon im allgemeinen Gemurmel auf. Sie hätte nicht rennen müssen, so müde war sie gewesen, dass sie von der Lesung eh nichts mitbekommen hatte. Gerade verschwand der Große, der schräg vor ihr gesessen hatte, in der Menschenmenge. Als Karo in die Bahn kletterte, hatte sie das Gefühl, um das Beste heute betrogen worden zu sein.

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4 Kommentare zu “Vom Zuhören. (4)

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