Vom Zuhören. (3)

[…]

Da stand sie nun vor dem Gebüsch und wusste auch nicht. Komm schon, rief es. Für wie blöd hielt der sie denn? Du hast den Wein und das Futter ja gar nicht angerührt. Ach so, sagte sie sich, der ist einfach nur irre, das ist alles. Sie legte die Rose auf den Gehweg und wollte schon die Straße überqueren, als ein grauer Mann im Anzug aus den Sträuchern stolperte; im Arm hielt er eine verdrießlich dreinsehende Katze. Es ist zu spät, ich verschwinde, lass mich in Frieden, schrie er, und schüttelte sich das Laub aus dem Haar. Jetzt kam auch Paul wieder zum Vorschein und versuchte, den Alten zu beruhigen.

Du erschreckst meine Freundin, sagte er, und machte eine Kopfbewegung in Karos Richtung. Der Alte nahm augenblicklich Haltung an, strich sich über das prächtig zerknitterte Jackett, und eilte schon auf sie zu. Sie war zu baff, als dass sie hätte weglaufen können. Die Katze protestierte gegen die Umarmung, Karo ließ es still geschehen, was hätte sie auch tun sollen, das war wie bei Wespen, wenn sie Angst rochen, wurden sie nur noch aggressiver.

Wo sind deine Manieren, willst du uns nicht zum Essen einladen, rief er zu Paul hinüber, als er sich schon bei ihr eingehakt hatte. Mögen Sie Sauerkraut. Ich auch nicht, das Geheimnis ist, es muss frisch sein, hat er schon einmal für Sie gekocht, ein unmöglicher Kerl, kochen aber kann der, oder zumindest schmeckt es, und der Katze auch, nur nicht das Grünzeug, das lässt sie mir immer übrig, undankbares Vieh, aber so geht es im Leben. Ihnen ist doch nicht kalt, das ist die Jugend, wenn man erst so alt ist wie ich, ist man für so ziemlich alles, was man noch irgendwie empfindet, dankbar.

Während Karo weiter die Worte um die Ohren flogen, führte der Alte sie in ein Gasthaus an der Hauptstraße. Drinnen lag das Licht müde hingestreckt über das abgegriffne Mobiliar und die paar Gäste am Tresen. Sie setzten sich an einen grotesk großen Tisch im hinteren Winkel des Raumes. Der Wirt wischte sich die Hände an der Schürze ab und brachte ihnen widerwillig die Speisekarte. Als er die Katze bemerkte und die Gäste daraufhin näher in Augenschein nahm, zögerte er für einen Augenblick, dann hatte er sich auch schon mit allem abgefunden und bot sogar an, einen Napf für das Tier bereitzustellen, was der Alte mit einer Suade über den Unterschied von Hund und Katze beantwortete und schließlich negativ beschied.

Die Betrunkenen am Tresen hatten sich zu der Gesellschaft herumgedreht und wiesen sich brabbelnd gegenseitig immer wieder auf das Tier und die merkwürdigen Gäste hin, und grunzten ein wenig und schlugen sich auf die Schultern. Dann glarten sie nur noch über die Gläser hinweg rüber und waren selig. Der Alte hatte Weißwein, Sauerkraut und Würstchen für alle bestellt. Jetzt hast du ja wieder Appetit, bemerkte Paul, als der Alte sich über seinen Teller hermachte. Es ist unhöflich, bei Tisch nicht zu essen, brachte er mit vollem Mund hervor. Der Katze schüttete er eine kleine Lache Weißwein auf den Boden und krümelte noch ein paar Stückchen Wurst hinein. Aber irgendetwas hat dich doch aufgeregt, beharrte Paul.

Karo aß zunächst langsam, sie wusste nicht recht, ob es ihr behagte und schmeckte, aß dann aber nicht ohne Genuss. Immer wieder warf Paul ihr entschuldigende Blicke zu. Sie schämte sich ein wenig wegen der Männer an der Bar. Andererseits: Was gingen sie Zuschauer an? Sie war ja mittendrin. Da hämmerte der Alte sein Glas an die Weinflasche und stand auf. Alles verstummte, den Betrunkenen stand vor Spannung der Mund offen; der Wirt lehnte sich gegen die Wand, um bequemer zuhören zu können.

[…]

zuhoren

Advertisements

2 Kommentare zu “Vom Zuhören. (3)

  1. Pingback: Vom Zuhören. (2) | Paul Fehm

  2. Pingback: Vom Zuhören. (4) | Paul Fehm

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s