Vom Zuhören. (2)

[…]

Vielleicht war das Leben auch nur eine Pause, die man überbrücken musste. Harter Tag?, fragte sie an der nächsten Haltestelle. Er antwortete: Weicher Tag, widerlich weicher Tag, wie Teig, geschmolzene Butter, ranzig, unbrauchbar, ein nervöser Tag, schmierige Stunden, wacklige Knie. Nichts gearbeitet, nicht einen klaren Gedanken gefasst, kein gerader Satz, nichts. Die Aufregung hat mich von allem abgehalten. Und noch zuletzt davor, überhaupt zu erscheinen. Das wird mir schaden, sicher, doch was könnte mir mehr schaden als diese Verwirrung, in die mich all das stürzt, all die widerlichen Forderungen, die man an mich stellt.

Er beulte den Hut aus, den er während der Rede zerdrückt hatte. Und wohin fährst du jetzt?, fragte sie weiter. Das spielt keine Rolle, hier ist Ende. Und tatsächlich kam die Bahn jetzt zum Stillstand, sie waren unbemerkt am Stadtrand angekommen, die Menschen stiegen eilig aus, ohne den Blick vom Boden aufzuheben. Als der Fahrer zum zweiten Mal Endstation brüllte, machten auch sie sich davon. Die Bahn verschwand in endloser Dunkelheit. Wohin gehen wir, fragte er, hier können wir kaum bleiben, der Wind wird uns zermürben, er ist kalt und ohne Erbarmen. Er hatte den Hut und die Sonnenbrille wieder aufgesetzt.

Jetzt bekam sie Lust, ihn einfach stehen zu lassen. Eine komische Type. Sie wäre besser zu der Lesung gegangen, da saß man wenigstens im Warmen und konnte abschalten. Andererseits: Wann hatte sie das letzte Mal jemanden so überraschend kennengelernt, mehr als das Übliche mit jemanden gesprochen, das passierte ja irgendwann im Leben nicht mehr. Und wenn auch nur eine kleine Geschichte dabei heraussprang, die man dann bei passender Gelegenheit erzählen konnte, das wäre schon etwas.

Während sie noch so am Überlegen war, schrieb er murmelnd etwas in ein kleines Notizbuch. Als sie ihn ansprach, verstummte er und steckte das Heft in die Hemdtasche. Sie verständigten sich darauf, zurück in die Stadt zu laufen. Der Vorort war menschenleer, die Straßen schienen für niemanden gebaut, die Verkehrslichter symbolisch. Wer jetzt nicht in seinem Haus war, würde sich ewig rumtreiben.

Nach wenigen Minuten schien er viel besserer Laune, überhaupt wurde er übermütig, balancierte plötzlich wie ein Kind auf einer niedrigen Mauer, rannte lachend voraus und stahl ihr zu allem Überfluss eine Rose aus dem Vorgarten. Es war schwer, sich darauf einen Reim zu machen. Sie nahm die Rose mit spitzen Fingern entgegen. Und noch ehe sie wusste, was geschah, war Paul schon im Gebüsch hinterm Supermarkt verschwunden.

[…]

zuhoren

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4 Kommentare zu “Vom Zuhören. (2)

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