Vom Zuhören. (1)

Man geht zur Lesung mit eiligen Schritten. Die Andacht, die sich um den Lesenden senkt, sobald die ersten Worte erklingen, sie darf man nicht stören. Diese Worte dann schneiden ins eigene Fleisch, wozu sonst hätte man sich beeilt, wenn nicht dazu, mindestens etwas, wenigstens den Schmerz zu fühlen, oder die Lust, die Verzweiflung oder vielleicht auch das Glück, das in den Sätzen liegt. Was aber, schlimm, wenn es nichts zu hören gab, der Stuhl unbequem, die Sicht schlecht und die Luft zum Ersticken war. Man konnte nie sicher sein, was geschah.

Eben hätte sie aussteigen müssen, doch die Bahn fuhr schon wieder an. Als ob davon etwas, Rettung, zu erwarten wäre, sah sie sich um. Kaum ein Platz war besetzt. Niemand nahm Anteil. Ihr gegenüber saß ein Mann mittleren Alters, wie absichtlich nachlässig angezogen, mit Sonnenbrille und Hut. Regungslos lehnte er am Fenster, als schliefe er. Sie konnte sich kein rechtes Bild machen. Draußen dämmerte es, die Laternen leuchteten dumpf, müdes Licht der Stadt.

Wie spät ist es, fragte der Mann so unvermittelt, wie sich ein Toter in seinem Sarg aufrichtet. Sie las die Zeit vom Handgelenk ab, ohne dass es sie anging. Dann ist es wohl leider endgültig zu spät, bemerkte er und es war, als ob er aufatmete. Er streckte sich wie nach langem Schlaf, nahm die Sonnenbrille ab und steckte sie sich in die Hemdtasche. Den Hut drehte er unablässig lächelnd zwischen den Händen. Und die Augen blitzten sie listig an.

Ja, ich bin auch zu spät dran, sagte sie, es wäre immerhin möglich, dass ich noch rechtzeitig ankomme, wenn ich jetzt gleich aussteige, aber dann müsste ich rennen, und ich hasse nichts mehr als das. Rennen ist erniedrigend, wenn es aus purer Not passiert. Überrascht von der eigenen Redseligkeit, fügte sie hinzu: Man ist außer Atem, wenn man ankommt, das Herz klopft wie verrückt, man ist ganz Puls, und dann soll man sich still hinsetzen und zuhören. Man fühlt sich so lebendig, was will man da mit Literatur.

Ja, was will man damit. Eine irrsinnige Frage, du bist dem Schreiben ausgeliefert oder nicht, du bist ihm verfallen oder nicht. Es lässt dir keine Wahl, wenn du ihm gehörst, gehörst du ihm ganz. Als hätte auch er zu viel gesagt, wandte er sich ab und starrte aus dem Fenster in sein Spiegelbild. Warum ist der denn so missmutig, dachte sie, kein Grund, gleich fatalistisch zu werden. Es ist doch bloß eine blöde Lesung. Jeder verpasste mal einen Termin. Es gab diese Tage, an denen einem alles, und gerade das Beste, zu viel war.

[Teil 2]

zuhoren

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8 Kommentare zu “Vom Zuhören. (1)

  1. Pingback: Vom Zuhören (2). | Paul Fehm

  2. Ein wirklich toller Text – ich habe die komplette Geschichte bei Genius gelesen. Dein Schreibstil gefällt mir sehr gut; eben KEIN 08/15 – das merkt man sofort und ich glaube, du bist einer, der es richtig gut kann. Schreiben meine ich.

    Auch das spricht für dich:
    „Ja, was will man damit. Eine irrsinnige Frage, du bist dem Schreiben ausgeliefert oder nicht, du bist ihm verfallen oder nicht. Es lässt dir keine Wahl, wenn du ihm gehörst, gehörst du ihm ganz. “

    Sehr beeindruckend!

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