Verbleib.

verbleib

Die Erschöpfung macht alles zunichte, die besten Absichten und die notwendigsten Taten. Es war schon gespenstisch spät, die Gassen durchschwärmt von lärmenden Gruppen und stillen Einzelnen. Ich hatte den ganzen Tag in der Küche gestanden. Auch im Zimmer wäre es wüst, ich lehnte am Tresen. Ringsum stiegen Rauchschwaden auf, der Alkohol drang den Trinkern aus allen Poren; an die fickrige Ruhe rührten nur ins Ungefähre gerichtete Silben. Wer einen Platz hatte, räumte ihn nicht, ehe die letzte Stunde geschlagen hatte.

Es herrschte seit Wochen eine unmenschliche Hitze, die sich auch in der Nacht nicht mehr aus dem Pflaster, aus den Gemäuern und den Leibern der Stadt verzog. Die Gesichter der Alten trockneten ein, die Jungen schwitzten ihre Jugend aus. Ich, hinter den Ofen gezwängt, siedete den halben Tag meine Gedärme, in die ich das kühle Bier nun endlos hinabstürzte.

Der Wirtin hatte ich ein paar Reste aus dem Restaurant mitgebracht: Rindfleisch mit Kapernsauce, gegrillte Auberginen und Rosmarinkartoffeln. Ich tat ihr bisweilen kleine Gefallen, ließ mal eine Flasche gutes Olivenöl mitgehen, oder rettete das noch brauchbare Obst vor der Tonne. Sie verzehrte ihr Mahl mit einem Glas Rotwein wie in großem Hunger. Sie führte die Kneipe vielleicht lustlos, aber wohl nicht ohne den Stolz, jeden Tag eine Pflicht zu erfüllen.

Ob sie hübsch war, konnte ich kaum sagen, jetzt wenigstens kam es mir so vor, wie sie im unsicheren Licht dastand, ganz für sich, und lächelnd den prächtigen Teller besah. Bald lagen meine Arme halb ausgestreckt auf dem Tresen; unmöglich, meine Beine vom Fleck zu bewegen. Die letzten Gäste gingen, die Wirtin schloss die Tür ab. Als alle Tische abgeräumt waren, was ich aus den Augenwinkeln mit beiläufigem Interesse verfolgte, setzte sie sich neben mich.

Man müsste endlich was Neues anfangen, den Laden zusperren, woanders hingehen, was anderes machen, sagte sie, ohne mich anzusehen. Obwohl ich seit Jahren über nichts anderes als Flucht nachdachte, gähnte ich nur laut und abgründig, streckte mich ein wenig und erwiderte dann: Es ist überall derselbe Himmel über dir, da kannst du laufen, so weit du willst. Dass sie nichts entgegnete, lag bloß an der Müdigkeit, die sie jetzt langsam unter sich begrub. Wir wehrten uns noch eine Weile gegen die Leere dieser Nacht, still wie die Tiere, ehe wir den Kampf aufgaben.

Dann auf dem Weg in die Wohnung war ich zu müde, den Kopf zu heben. Ich sah meinen Füßen beim Laufen zu, das Licht glänzte auf dem glatten Pflaster, so sternklar war die Nacht. Ich hätte mir das Gesicht auf dem Stein kühlen mögen. Was nun, etwas Besseres konnten wir kaum tun, die Wirtin und ich. Ich starrte wer weiß wie lange in die Pfütze, bis ein Betrunkener grundlos zu lachen anfing.

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10 Kommentare zu “Verbleib.

  1. Lieber Paul, wenn nicht die Tonne und das Olivenöl wären, würde ich mich im Marburg des 19. Jahrhunderts beheimatet fühlen und eigentlich sah ich die ganze Zeit grobe Holzbänke in der Wirtsstube, Tonkrüge aus denen Bier getrunken wurde und altes Kopfsteinpflaster, welches die Leute mit abgewetzten Schuhen nicht zu zertrten vermochten. Danke für deine wortgefeilten Zeilen. Ich habe es genossen in deiner Geschichte zu sein!

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  2. Booooaaaahhhh! Mich haut’s schon beim ersten Text von Dir um! Ganz herzlichen Glückwunsch und Dank! Da les‘ ich sicher wieder und weiter!
    Kämen da auch noch ‚meine affischen‘ Inhalte dazu … [Gänsehaut über den Rücken] … ;-)

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