Notdach.

Es ist ja nur vorübergehend, deutete der Vermieter durch entschuldigende, aber entschiedene Gesten an. Mir waren die Hände gebunden, was hatte ich schon dagegen zu setzen. Und für den an sich großzügigen Raum verlangte man wenig mehr, als dass man nur all das Unbrauchbare in meinem Zimmer unterstellen durfte. Es bestehe vorläufig keine Notwendigkeit, sich deswegen Sorgen zu machen, schien seine Miene beim schnellen Abschied noch zu sagen.

Schon hatte man kaputtes Mobiliar hineingetragen, kistenweise Lumpen, alte Matratzen, halb zerbrochne Spielsachen und anderes unaussprechliches Zeug mehr. Ich muss vorsichtig mit dem fremden Besitz umgehen, dachte ich, auch wenn sein Gebrauch wohl durchaus geduldet worden wäre; so kauerte ich zunächst abwartend in einer Ecke, als man mich zurückließ. Auch das Fenster war fast verdeckt und nur durch einen Spalt zwischen zwei Kartons blitzte ein wenig Licht herein.

Notdürftig richtete ich mich in den nächsten Tagen ein. Mein Verlangen nach Licht erlosch schon bald, die Polster erschienen rasch weniger ranzig, der Geruch kroch mir in die Poren, verschmolz mit mir, sodass das Widerwärtige die Fremdheit ganz verlor. Regelmäßig brachte mir jemand die Reste des Abendessens hinunter, in Pantoffeln und Schlafanzug, sodass ich das Schlurfen die Stockwerke herab verfolgen konnte. Die Tür ins Treppenhaus war vollständig verstellt worden; es blieb mir nur der Notausgang aus dem Provisorium, der allerdings mit einem wohl alles durchdringenden Alarm gesichert war.

notdach

Das abendliche Schlurfen ging die Treppen hinunter, schließlich das metallische Schreien der Scharniere, plötzlich einfallendes Licht. Mit dem Hunger vernünftig umzugehen, war schwierig. Aß man alles gleich auf, so war man für den Moment zwar satt, aber man wusste nicht, wann das nächste Essen kam. Wartete man dagegen ab und rationierte, so passierte es, dass einem die Mäuse die Reste nachts streitig machten oder dass das Essen unbemerkt in der schlechten Luft verfaulte.

Wollte man sich Platz verschaffen, konnte man doch nur die Kartons noch ein wenig enger zusammenrücken, frei in seinen Bewegungen wurde man nicht, man drehte und quälte sich im Kreis herum. Notgedrungen hielt ich mich an die Geräusche und Stimmen, die von draußen durch das Fensterglas drangen. Es mussten die seltsamsten Wesen sein, die dort gingen und lärmten. Oft schien es mir, als würden sie sich im Treppenhaus verlaufen und ständig ohne Sinn die Stufen hinauf und hinunter steigen. Dann war mir wieder, als ob das eine Gespräch immer und immer wieder geführt wurde, auch wenn ich die Sprache nicht verstand, zwischen den Schritten stieß man Worte hervor, die sich eine Weile harmlos im Flur hielten, ehe sie in endlosen Gängen verhallten.

Wenn ich gewagt hätte, trotz des Alarms meine Wohnung, die man mir bis auf Widerruf zur Verfügung gestellt hatte, zu verlassen, ich hätte mich ja doch nicht zurechtgefunden. In meiner Langeweile hatte ich das ganze bei mir angehäufte Zeug schon mehrmals in meinen Händen gedreht, es war nichts damit anzufangen, ich hatte das nackte Abwarten durch Erinnerungen an mein altes, bestimmt mittlerweile eingefallenes, von einem braunen Himmel überwölbtes Zimmer zu vertilgen versucht.

Nichts hier gehörte mir, die Beine waren taub vom Herumsitzen, die Augen an den Mauern stumpf geworden. Wohin sollte ich mich wenden, wenn ich Alarm schlüge, würde man nur stumm auf die Hilfe verweisen, die man mir doch hatte zukommen lassen, und mit Recht Geduld verlangen. Das Licht war so trüb, dass ich kaum meine Hände sehen konnte. Ich schnappte nach ihnen, erschrak über das Knirschen des Kiefers, verbiss mich tiefer, zerrte mit den Zähnen an den Händen, wie um das Fleisch zu lösen, bis ich zuletzt aufheulte. Weniger tief als gehofft war die Wunde.

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4 Kommentare zu “Notdach.

  1. Auf der Suche nach deinem Witz ist mir einer der stinkenden Lumpen im Halse stecken geblieben und trieb mir die Tränen in die Augen. Unmöglich bei diesem Licht ein Taschentuch zu finden, aber genug Atmosphäre um die Unbehaglichkeit des Seins zu spüren, gleichwohl musste sich der Graf von Monte Cristo gefühlt haben, wartend auf den Zustand, der nie mehr einzutreten schien – danke Paul.

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  2. Der kafkaeske Ansatz gefällt mir. Ich sehe insb. Ohnmacht und Schwäche des Individuums herausgearbeitet und vieldeutig inszeniert. Ob aus dem Protagonisten allerdings noch ein Monte Christo (bzw. Cristo) wird, dürfte nach jetzigem Stand der Dinge zumindest zweifelhaft erscheinen. Womit ich der zukünftigen Charakterentwicklung natürlich keineswegs vorausgreifen möchte.

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