Übergang.

Tantalus hat wenigstens den Trost, ein Leben gehabt zu haben, einmal war er doch satt gewesen, hatte die Trauben geschmeckt, und bis zum Rand voll von dieser Erinnerung steht er in der Flut, die Kraft, nach den Früchten zu greifen, nach dem Wasser, schöpft er unentwegt aus den stillen Träumen dieser Tage. – Woran aber sollte ich mich halten? Meine Beine waren Strohhalme, die kaum noch trugen.

Von der Schneeschmelze war der Fluss rasch angeschwollen, schwarz und glänzend lag er rings in den Gassen. Nicht auszudenken, wenn noch der Regen kommt. Die müde Dämmerung hatte der Tag bereits niedergekämpft, kalter Wind trieb die paar Passanten vor sich her, das Wasser würde vielleicht schon bald bis an die Brüstung schlagen, wo ich lehnte, das Gerippe in viele Lagen Stoff gehüllt. »Die Brücke ist gesperrt.« Die Frau ließ mich nicht aus den Augen, bis ich ihrem Blick entflohen war.

Ich stieg die Stufen zum Fluss hinab, der Weg war überspült, ich watete tiefer hinein, kämpfte mich durch den Schlamm, die Kälte kroch empor bis unters Herz. Mitten in einer Gruppe Schilf blieb ich stehen. Alle Glieder waren starr geworden, unsinnig schlugen die Zähne aufeinander, bis ich mit einem Mal fürchterlich den Mund aufriss, dass sich der Wind darin verfing, wild durch die Rippen zog, gleich wieder hinausdrängte und schon singt das Schilf aus vollem Hals, während drüben die ersten Steine vom Bogen der Brücke abbröckeln und lautlos in der Nacht verschwinden.

übergang

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12 Kommentare zu “Übergang.

  1. Ich glaube, es ist eher ungewöhnlich, dass mitten im Satz die Zeitform von Vergangenheit auf Gegenwart gewechselt wird. Aber natürlich kann man das auch als Kunstgriff einsetzen. Im ersten Moment war ich zumindest irritiert. ;-)

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  2. Die Frage, warum man plötzlich die Zeitform wechselt, ist so eine übliche Frage von Textchefs, die ich immer wieder gestellt bekam und kurzerhand wurde der Präsens geändert. Und ich fühlte: So stimmt das Erzählte nicht mehr. Der Leser folgt dem Erzähler in Pauls Text bis zum letzten Satz als Außenstehender. Und dann verwandelt er sich, ist in den Erzähler geschlüpft und nimmt das Singen des Schilfs, das Abbröckeln der Steine als Geschehen wahr, das um ihn herum gerade passiert. Ich bin da ganz bei Olfriwi und karfunkelfee

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  3. Zutiefst beeindruckend. Jeder gut geschriebene Popsong lebt – und verewigt sich geradezu – durch eine unerwartete harmonische oder rhytmische Verschiebung, insbesondere im letzten Drittel, in der Coda. Bitte mehr davon, sehr inspirierend. LG Volker

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