»Es lebe die Republik!« – Szene 3.

Die beiden kommen unter dem Tisch hervor. Grille kommt zurück. 

Grille: Die Höhle ist eingestürzt, alles ist weg: die Vorräte, mein Laptop, alles. Mein schönes Zyklopia ist dahin.

Seus: Ein Jammer.

Grille klettert auf den Tisch und hält Ausschau.

Grille: Wohin sind die Schafe nur verschwunden? Ohne Schafe ist die Republik verloren.

Setzt sich hin.

Seus: Der thront da oben, als gehörte ihm der Strand.

Grille: Ich throne nicht, ich sitze. Im Namen der Republik habe ich die Republik Zyklopia begründet und die Monarchie ein für allemal zur Vergangenheit erklärt. Im Namen der Republik befehle ich euch, freie Bürger zu sein.

Seus: Der thront doch.

Oddi: Wenn wir vernünftig sind, sollten wir eine neue Republik gründen. Vielleicht werden die Schafe niemals wieder kommen. Und vielleicht eine mit weitsichtigerem Namen und Konzeption.

Seus: Sehr treffend! Sein Hirn rechts und sein Hirn links trifften auseinander und er sieht alles mit dem einen runden Auge. Für eine Republik braucht man aber verschiedene Perspektiven.

Oddi: Eine neue Republik, ein neuer Name, eine neue Dimension.

Grille: Für immer bin ich  aus meiner Höhle ausgeschlossen.  Im Namen der Republik Zyklopia erkläre ich den Namen der Republik für null und nichtig.

Oddi: Die Republik ist tot.

Seus: Es lebe die Republik. Wie soll sie heißen?

Oddi: Der Name wird sich finden. Das Kind wird sich seinen Namen schon noch geben.

Grille: Im Namen der Republik ernenne ich euch zu Staatsministern.

Oddi: Eine große Ehre.

Seus: Wo ist das Festbankett? Wo die Häppchen? Wo die sauren Gürkchen, wo der Wein?

Grille: Ich hätte euch gerne bewirtet. Allse habe ich in meine Höhle gerafft; der Sekt stand immer kalt und verschlossen und niemand kam, mit dem ich Gelegenheit gehabt hätte, ihn zu öffnen. Und nun ist alles verschüttet und verloren für immer.

Oddi: Wir müssen uns was einfallen lassen. Wie kommt man hier sonst noch an Essen?

Grille: Hier gibt es nur mich und die Schafe und Ziegen. Dabei bin ich Veganer. Das ist blöd mit den Ziegen und den Schafen. Ich stelle mir immer vor, es wär ein veganes Steak, wenn ich mir was brate und es wäre Soja, wenn ich die Milch trinke.

Seus: Ich bin so hungrig! Sogar Tofu würde ich nehmen. Alles. Selbst eine Möwe würde ich samt den Federn jetzt verdrücken. Erinnerst du dich an den Fisch …

Oddi: An den Fisch an der chinesischen Küste, wo sie den Fisch lebendig gebraten haben. Er zappelte noch, als man seine Gabel hineinsteckte.

Grille: Mit leerem Magen lässt sich keine Republik begründen.

Seus: Die Missionare auf den Kykladen sollen sogar die Hingerichteten tüchtig abzapfen. Das Armesünderfett wollen sie haben, weil doch die Sünden durch den Tod geläutert werden. Der König destilliert dort das Hirn seiner klügsten Gelehrten, um es zu trinken und ewig geistig fit zu bleiben.

Grille: Im Namen der Republik verbiete ich das Destillieren von Hirn.

Oddi: Wir sollten ein Feuer machen. Es wird kalt werden. Vorsorge ist die schönste Sorge.

Seus: Hat einer Feuer?

Grille: Ich frag mal rum.

Grille geht ins Publikum, fragt Zuschauer.

Oddi zu Seus: Wir legen ihn um. Dann haben wir immerhin ihn.

Grille zündet ein Teelicht an. Sie versammeln sich um das Feuer.

Seus: Wir müssen etwas tun, sonst werden wir nicht überleben. Wir müssen essen, sonst werden wir alle hier und heute sterben. Ich habe davon gehört und bin nicht begeistert von der Idee.

Oddi: Ihr wisst, was der einzige Ausweg ist. Ich würde davon absehen wollen, Strohhalme zu ziehen, wir sind doch zivilisierte Leute. Lasst uns die Angelegenheit in Ruhe besprechen und einen Kompromiss finden.

Seus: Hier gibts nicht einmal Strohhalme, an nichts können wir uns klammern.

Grille: Wollen wir gleich in die Barbarbei zurückfallen?

Oddi: Barbarei? Es gibt nichts anders. Dass wir einander nicht mehr fressen, ist ökonomisch sinnvoll, sonst nichts. Damit wir fein arbeiten und mehr erzeugen, als wir fressen. Wenn alles erst einmal zusammenbricht, mit all den Schweinefarmen und den Hühnerfabriken, wo sich die Hühner gegenseitig die Gedärme rauspicken, wird man es machen wie die Azteken und die Menschen wieder verwursten. Menschen nicht zu essen, kann man sich nur leisten, wenn man sichs leisten kann. Gibt es irgendwann keine Arbeit mehr, wird man die Menschen essen, anstatt sie notdürftig durchzufüttern wie jetzt.

Grille: Im Namen der Republik erkläre ich diese Diskussion für beendet.

Seus: Den Namen der Republik pisse ich in den Sand.

Grille: Ich befehle dir, die Republik anzuerkennen. Im Namen der Republik.

Oddi zieht eine Waffe und zielt auf Grille.

Seus: Einer muss immer den Kopf hinhalten. Eine große Ehre.

Grille verschränkt die Hände hinterm Kopf, geht auf die Knie.

Oddi: Im Namen der Republik erkläre ich: Der Mensch ist das Tier, das lebend vom eigenen Hunger schweift.

Oddi erschießt Seus.

Oddi: Es ist, wie er sagt, jeder muss mal Opfer bringen. Heute war eben er an der Reihe. Außerdem riechst du mir zu sehr nach Ziege.

Grille steht auf, sie stehen um Seus herum: Und jetzt?

Oddi: Hast du keinen Hunger mehr?

Grille: Nein. Er sieht mir nicht sehr appetitlich aus.

Oddi: Ich will ihn auch nicht. legt die Waffe hin

Grille greift sich die Waffe

Oddi: Willst du jetzt mich töten? Könntest du mich essen?

Grille: Ich kann dich nicht essen, du bist schließlich ein Mörder.

Oddi: Dann sind wir beide im Namen der Republik zum Tode verurteilt.

Grille: Dann warten wir einfach ab, bis wir sterben?

Oddi: Das Warten ist bereits der Tod. Der Hunger ist nur die Beilage.

Sie sitzen Rücken an Rücken da.

Grille: Meine Republik hat so gut funktioniert, als noch keiner da war.

Oddi: Ich wollte auch eigentlich auch ganz woanders hin. Vielleicht sollten wir …

Grille: Noch einmal von vorne anfangen.

Oddi: Weiterziehen.

Grille springt auf: Da sind ja meine Schafe wieder! zeigt ins Publikum

Oddi: Alles haben sie gesehen und nichts haben sie getan. Vor aller Augen habe ich ihn geschlachtet, vor hundert hungrigen Augen, die sich jetzt auf uns richten, die ihn uns nehmen wollen, die ihn aufzehren mit vor Hunger leeren Blicken. Sie glubschen und glotzen und glotzen. Sie beobachten, wie wir uns in die Wolle kriegen. Wenn die Zeit gekommen ist, werden sie sich verbünden und uns vernichten.

Grille: Sie warten bloß auf Befehle. geht gezielt zu einzelnen Schafen Sagt mal mäh, mäh! Macht, dass ihr fortkommt! Ich zieh euch die Hammelbeine lang! Nichts. Sie sitzen da und glotzen und warten ab. Sie rotten sich zusammen, um zuzuschlagen.

Oddi: Es ist aus. Sie fürchten uns nicht mehr. Wir können hier nicht bleiben. Im Namen der Republik: Die Republik ist tot.

Seus: Nur weg hier! Wir müssen mitten durch die Herde.

Grille: Die Fahne! schnappt sich die Fahne

Sie rennen aus dem Saal. 

Seus schreckt auf: Wie jetzt? Wo sind denn alle?

Seus steht auf, läuft hinterher.

Seus: Wartet! Ihr habt euren Proviant vergessen! Halt! Im Namen der Republik!

Seus ab.

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