»Es lebe die Republik!« – Szene 2.

Oddi: Ich bin Oddi und das ist Seus. Wir sind auf dem Nachhauseweg. Und wer bist du?

Grille: Wer ich bin? Ich war einst ein Vielgerühmter. Ein Popstar. Ich war jemand da draußen. Bis ich beschlossen habe, zu verschwinden, auszusteigen, dem Rummel den Rücken zu kehren. Da bin ich auf mein Fahrrad gestiegen und bin weggefahren. Seitdem bin ich niemand. Niemand ist mein Name; denn so nennen mich alle, wenn mal einer da ist, was aber nie der Fall ist.

Seus: Wie, niemand?

Grille: Alle haben sie mich vergessen, sie tun, als sei ich niemand, als sei ich nicht einmal in einer Nische ihres Bewusstseins noch vorhanden. Ich war einmal Grille, jetzt bin ich niemand. Weniger als niemand, denn einmal war ich ja jemand oder wenigstens ein Teil von jemanden. Mein Wort war Gesetz. Ich musste nur sagen: Tut das, tut dies, und die Schafe folgten. Dann sagte einer: Der König ist tot, der König ist tot. Und nun bin ich ein toter König, ein totgesagter König, ein gestrandeter König ohne Krone und Reich. Ein Regent mit Weitblick, auf dem rechten Auge blind, aber mit republikanischer Weitsicht.

Seus zu Oddi: Kapierst du das?

Oddi: Er ist ein Aussteiger.

Grille: Ich habe meinen Rucksack gepackt, habe die Tür hinter mir abgeschlossen und bin auf und davon. Ich bin kreuz und quer durch die Welt gewandert, bis ich schließlich hier gelandet bin. Hier lebe ich, fern von den anderen Aussteigern. Ich habe meine Höhle und hüte Schafe und Ziegen. Niemand verirrt sich hierher. Und endlich bin ich wieder jemand als niemand. Ich bin der, der ich immer sein wollte.

Seus: Ich raffs noch immer nicht.

Oddi: Und dann hast du eine Republik gegründet?

Grill: Damals, als ich noch jemand, als ich noch nicht niemand war, habe ich mein Leben und das der anderen geplant wie ein Drama. Ich habe die Strippen gezogen, ich habe Regie geführt. Ich war es doch, ich, der die Republik von innen an den Haarwurzeln ziehend nach links und nach rechts und auch vor und zurück gesteuert hat. Diese Republik war ein Niemand, dem ich befohlen habe, ihr Kopf gehörte mir. Der Einäugige führt die Blinden, mich jedoch führt Niemand mehr außer der Niemand, der ich bin, seit ich die Republik Zyklopia gegründet habe. Willkommen, im Namen der Republik, willkommen! umarmt die beiden Echte Menschen in meiner Republik!

Seus: Das hier sieht mir aber so gar nicht nach einer ordentlichen Republik aus. Wo sind überhaupt die ganzen Mitbürger?

Grille: Du hast sie verjagt und verschreckt. Es ist eine wohlgesittete Gesellschaft hier, die Überfälle nur schwer erträgt. In der Herde hat jeder seinen Platz und in jeder Herde gibt es Unterherden mit einem Hammel, um den die anderen kreisen. Diese Ordnung darf man nicht durcheinander bringen.

Seus: Dann ist das gar keine richtige Republik?

Grille: Doch, doch. Warte, ich hole die Ersatz-Flagge. geht weg

Oddi: Lassen wir ihn besser in dem Glauben. Man soll ja auch Schlafwandelnde nicht aufwecken.

Seus: Glaubst du, es gibt bald was zu essen?

Grille kommt mit einer Flagge an, schwenkt sie.

Seus: Donnerwetter!

Die drei gehen die Flagge schwenkend in den Hintergrund der Bühne; der aufkommende Wind zerrt an ihr.

Seus: Da ist der Sturm wieder.

Oddi: Er wird uns ins Meer wehen.

Grille: Bis zu meiner Höhle schaffen wir es nicht mehr.

Oddi: Helft mir mit dem Boot!

Sie stellen den Tisch vom Kopf auf die Füße, tragen ihn in den Hintergrund der Bühne, verkriechen sich darunter, rangeln um den Platz.

Seus: Für uns alle ist hier kein Platz!

Oddi: Den Gästen lässt man den Vortritt.

Grille: Ihr wollt mich im Regen stehen lassen?

Oddi: Du hast doch deine Höhle!

Grille: Wir müssen nur enger zusammenrücken. Wenn jeder von uns den Gürtel ein wenig enger …

Seus: Aber hier ist wirklich kein Platz. Im Namen der Republik erkläre ich: Das Boot, in dem wir alle sitzen, ist voll. Wir können nicht jeden drauflassen, sonst saufen wir ab. Und erst recht keinen Fremden. Wo kämen wir da hin? stößt Grille hinaus

Grille rennt durch den Sturm davon.

Oddi zu Seus: Wir werden nicht lange überleben, wenn wir mit dem Trottel teilen müssen. Wir sollten ihn loswerden, damit wir die Vorräte für uns alleine haben. Die blöden Ziegen sind verschwunden, die können uns nicht riechen. Wir werden ihn betrunken machen und uns sein Zeug unter den Nagel reißen.

Seus: Du willst ihn beseitigen. Ich weiß nicht. Immerhin ist er der Präsident dieser Republik.

Oddi: Im Namen der Republik hat der Kapitän das Ruder unverzüglich herumzureißen. Wenn er niemand ist, dann haben wir auch niemanden getötet. Niemand hört sein Schreien, niemand wird es erfahren. Niemand beobachtet uns. Wir werden ihn mit einem Felsen erschlagen. Wir brauchen Vorrat für die nächsten Wochen. Erst dann können wir weitersegeln. Und wir müssen weitersegeln! Penelope wartet auf mich.

Seus: Das ist so romantisch.

Oddi: Du brauchst nicht so eng an mich heranzurücken.

Seus: Verzeihung.

Oddi: Wir können ihm nicht trauen. Es muss sein.

Seus: Die Umstände verlangen es. Es riecht nach Revolution.

Oddi: Ein Neuanfang. Der Fortschritt fordert seine Opfer.

Oddi: Der Sturm legt sich.

[3. Szene folgt]

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