»Es lebe die Republik!« – Szene 1.

Figuren
Der abgerissene Grille
Der feine Oddi
Der jugendliche Seus
Die schöne Penelope

1. Szene

Die Stühle für das Publikum liegen überall zerstreut, sind zum Teil umgeworfen, sodass die Zuschauer sich die Sitzordnung selbst schaffen müssen. In der Mitte vor der Bühne ein umgedrehter Tisch, in dem zwei Männer kauern.

Penelope sitzt an der Schreibmaschine, etwas abseits der Bühne:
Und zum Lande der wilden gesetzelosen Kyklopen
Kamen sie jetzt, der Riesen, die im Vertraun auf die Götter
Nimmer pflanzen noch sä’n, und nimmer die Erde beackern.
Ohne Samen und Pfleg’ einkeimen alle Gewächse,
Weizen und Gerste dem Boden, und edle Reben, die tragen
Wein in geschwollenen Trauben, und Gottes Regen ernährt ihn.
Dort ist weder Gesetz, noch öffentliche Versammlung;
Sondern sie wohnen all’ auf den Häuptern hoher Gebirge
In gehöhleten Felsen, und jeder richtet nach Willkür
Seine Kinder und Weiber, und kümmert sich nicht um den andern.

Penelope ab. Die Männer regen sich, sehen sich um.

Oddi: Der Sturm hat sich gelegt. Vielleicht ist es nicht heute, dass wir sterben.

Seus: Er holt nur neuen Atem. Wir müssen an Land, oder wir sind verloren.

Oddi: Verloren sind wir lange schon. Fester Boden unter den Füßen würde uns nur länger am Leben halten. Uns ist seit so vielen Tagen nichts ins Netz gegangen. Wir müssen etwas essen oder wir sterben.

Seus: Wir werden finden, was wir brauchen, wenn wir nur an Land gehen.

Oddi: Niemand weiß, was uns erwartet. Die Küste ist karg, nichts als Sand und Strandhafer.

Seus: Sieh nur! Das sind doch Ziegen!

Oddi: Herrenlose?

Seus: Herrenlose Ziegen. Und Schafe. Dort sind auch Schafe.

Oddi: Schäfer und Hirten?

Seus: Nichts dergleichen. Komm schon. Ich sehe Milch und Käse und Hammelkeulen!

Die beiden ziehen das Boot an Land. Seus springt aus dem Boot.

Seus: Ich fang uns einen schönen Hammel!

Er rennt schreiend umher, versucht, zwischen dem Publikum ein Schaf zu fangen.

Seus: He, ihr Schafe! Mäh! Mäh!

Oddi: So vertreibt er das ganze Vieh und hetzt uns die Hirten auf den Hals. Es gibt keine Ziegen und keine Schafe ohne Hirten. Es ist immer einer da, überall, wo es was zu besitzen gibt.

Seus kommt atemlos wieder bei Oddi an.

Seus: Jetzt sind sie weg. Die Viecher machen, was sie wollen.

Oddi: Seus, wärst du ein Schaf, würdest du nicht einfach fangen und braten lassen?

Seus: Wär ich ein Schaf würde ich mich mit den anderen Schafsköpfen verbünden und Typen wie mich ins Meer zurückwerfen.

Oddi: Wir sollten wieder aufs Floß. Damit wir bald ankommen.

Seus: Wir werden niemals ankommen. Hast du das noch immer nicht begriffen? Du wirst niemals daheim ankommen und selbst wenn, erwartet dich dort niemand.

Oddi: Still. Da war ein Geräusch. Es kommt jemand.

Seus: Die Welle. Das Meer. Der Wind. Die Möwen. Die Endlosschleife unserer Reise. Ich bin schon taub davon. Da kommt keiner. Es ist nur das Auf und Ab der Brandung.

Oddi: Ich höre Schritte und Pfeifen. Wir müssen uns verstecken.

Seus: Wo, auf dem Meer? Hier ist nichts, wo man sich verbergen könnte. Man kann sich nirgends verstecken, jeder Winkel des Leben ist ausgeleuchtet. Wie Strandgut warten wir darauf, dass uns einer aufsammelt.

Oddi: Hinter das Floß. Da ist wenigstens Deckung.

Seus und Oddi drehen den Tisch auf die Seite, verschanzen sich dahinter. Grille kommt entspannt dahergeschlendert.

Grille: Jo, Fremdlinge, sagt, wer seid ihr? Von wannen trägt euch die Woge?
Habt ihr wo ein Gewerb’, oder schweift ihr ohne Bestimmung
Hin und her auf der See: wie küstenumirrende Räuber,
Die ihr Leben verachten, um fremden Völkern zu schaden?

Seus flüstert zu Oddi: Das ist ein Trick. Warum redet der so komisch? Wir sollten so tun, als wären wir gar nicht da.

Oddi lugt hinter dem Boot hervor: Das ist bloß ein Hippie. Der sieht harmlos aus.

Grille: Ich kann euch sehen und hören. Kommt endlich raus.

Oddi und Seus kommen hervor.

Grille: Warum habt ihr meine Ziegen und Schafe verjagt? Die verkriechen sich jetzt wieder für Wochen in den Bergen.

Seus: Sorry wegen der Ziegen. Konnte ja keiner wissen, dass die so überreagieren.

Oddi: Wir sind am Verhungern und todmüde.

Grille lacht los.

Oddi: Entschuldigung?

Grille: Es ist einfach zu erstaunlich! Ihr seid tatsächlich echt?

Seus: Echt müde und echt hungrig.

Grille: Ich hätte nicht erwartet, dass tatsächlich mal einer kommt. Natürlich ist meine Republik global sichtbar, offen für alle, aber dass tatsächlich mal einer an die Tür klopft. Unglaublich.

Seus: Uns ist übrigens auch kalt.

Grille: Also, wenn ihr wirklich echt seid: In meiner Höhle ist genug Platz und Essen für alle. Die Gastfreundschaft ist ein ungeschriebenes Gesetz in meiner Republik.

Oddi: Das ist eine sehr freundliche Einladung, aber …

Seus: Wir bleiben lieber am Strand. Da ist die Luft auch besser. (zu Oddi) Der riecht aber arg nach Ziege.

Oddi: Wo genau sind wir hier eigentlich gelandet?

Grille: Das hier ist die freie Republik Zyklopia, der Stern unter den Staaten, das Kleinod unter den kleinen Republiken dieser Welt.

Seus: Nie gehört.

Grille: Aber das ist purplatt unmöglich. Meine Flagge weht doch weithin sichtbar.

Seus: Ich seh keine Flagge.

Grille (sieht sich um): Dieser verdammte Sturm … Der Wind muss sie mitgenommen haben. Er weht, wo er will, der Schuft.

[2. Szene folgt]

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