Warte.

Um Paul Fehm aufzusuchen, sagte man mir in bestem Glauben, solle ich mich nur ins Auge der Stadt begeben. Ich wollte ihn einiges fragen; seine Antworten, so hoffte ich, würden mir Nahrung geben für die Kolumne, in der ich ihn unterzubringen gedachte. Wie beschrieben, saß er im Zentrum des Marktplatzes. Das Café servierte ihm in schöner Regelmäßigkeit, wonach er gar nicht erst bitten musste. Paul Fehm saß da wie eine Krähe, schwarz und verschlagen, die wachen Augen stibitzten, wo sie nur konnten. Endlich sprach ich ihn an, stellte mich und den Grund meines Besuches vor. Da er mir nicht anbot, mich zu ihm zu setzen, stellte ich die erste Frage noch im Stehen.

»Ob ich auf jemanden warte? Woher soll ich das wissen? Ich treffe jemanden, das genügt mir. Und wenn ich nur diese eine abgründige Sekunde hinterlasse, die dem ersten Schrecken folgt, dem Aufscheinen des Lächelns, das die wahre Freude überspielt; diesen einen Moment nach der verklärten, höflichen Freundlichkeit, wenn in der Abwendung die im Gesicht so meisterhaft skizzierten Züge ausgewischt werden und alles schließlich in blinden Ausdruck zurückfindet. Das würde mir bereits genügen.«

Einer Geste folgend, die ich vielleicht missverstand, setzte ich mich und bot meinerseits an, ihn zu einer Tasse Kaffee einzuladen. »Wenn ich etwas von Ihnen wollte, hätte ich es mir bereits genommen«, sagte er. Durch die Störung sichtlich verärgert, ließ er den Blick schweifen, um dann unvermittelt weiter zu sprechen.

»Eigentlich aber verstecke ich mich hier vor diesem einen Gesicht, das ich in der Menge zu erhaschen hoffe. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass es hier am Marktplatz passiert. Und nun entschuldigen Sie mich: Ich muss weiter hier sitzen, beschirmt von den Menschen, die ihren Geschäften und Sorgen nachgehen, die sich in Gesprächen üben, während ich meinem schlechten Gewissen ins Auge sehe, einfach nur hier zu sitzen und vielleicht eine Spur im Gesicht der anderen zu hinterlassen. Was aber, wenn ich jenes Eine verpasse, während ich jetzt mit Ihnen rede, wenn es mir entgeht in diesem Gewühl, das nur schwer zu überblicken ist?«

Seine Unhöflichkeit bannte mich. Auch schien es mir nicht so, dass er tatsächlich wollte, dass ich sofort ginge. »Wollen Sie, dass ich mit Ihnen Ausschau nach diesem einen Gesicht halte?«, fragte ich vorsichtig. »Und wird man nicht Sie vielleicht auch von sich aus entdecken?« Ich hielt es sogar für wahrscheinlich, saß er doch an exponierter Stelle. Das Heftige seiner Erwiderung aber überraschte mich.

warte 1

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Teil 2 folgt.

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4 Kommentare zu “Warte.

  1. Rastlos sitzend auf der Suche nach den Augen, von denen er nicht gefunden werden möchte. Bin ebenfalls gespannt, wie es weiter geht und ob er das Gesicht sieht und ob es ihm gelingt, dabei nicht entdeckt zu werden. Allerdings… wenn das Gesicht ein sehendes ist, werden ihm die Krähenblicke nicht verborgen bleiben.

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