Meine Republik.

Republik ist für mich keine Angelegenheit des Gesetzes. Es ist jene stillschweigende Übereinkunft vor allen gesellschaftlichen Verträgen, die sich aller Worte entzieht.

Republikanisch ist für Rousseau »jede Regierung, die vom Gemeinwillen geleitet wird, der im Gesetz seinen Ausdruck findet«. Ich aber nenne Republik die Gemeinschaft, die sich im Willen durch etwas verbindet, was vor und jenseits der Gesetze liegt. Eine solche Republik wird nicht ausgerufen: Ihr Ruf wird gleichwohl gehört und übereinstimmend beantwortet.

Das Problem, das Rousseau qua Vertrag lösen will, ist dieses: »Finde eine Form des Zusammenschlusses, der mit seiner ganzen gemeinsamen Kraft Person und Habe jedes einzelnen, der ihm angehört, verteidigt und beschützt und durch den dennoch jeder, indem er sich mit allen vereinigt, nur sich selbst gehorcht und genauso frei bleibt wie zuvor!«

Als erste Maxime gilt, keine Gewalt gegen den anderen auszuüben: »Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten. Wer glaubt, andere zu beherrschen, ist nur noch mehr Sklave als jene.« Ich stelle mir den Hirten zugleich als Schaf vor, Robinson als Untertan der Insel und als Regent der Einsamkeit, Caligula mit umgestürzter Krone auf dem Kopf.

Die zweite Maxime, auch sich selbst keine Gewalt anzutun: »Daß sich ein Mensch umsonst hergibt, ist absurd und unvorstellbar; ein solcher Akt wäre auch unrechtmäßig, ja null und nichtig, weil derjenige, der ihn vollzieht, nicht bei Verstand sein kann. Einem ganzen Volk derartiges Handeln nachzusagen, hieße ein Volk von Wahnsinnigen vorauszusetzen, und Wahnsinn schafft kein Recht.«

Nicht herrschen und nicht beherrscht werden: Die freie »Assoziation aller« heißt Republik. Diese Assoziation aber lässt sich nicht in Worte kleiden. Die Gültigkeit der Verträge beruht auf dem Wort, auf der verabredeten Handlung. Sie setzt Vertrauen und Einverständnis voraus; etwas, das nicht konventionell geregelt werden kann. Nur in diesem Zusammenhang gilt: »wenn jeder sich allen gibt, dann gibt sich letzlich keiner keinem«.

In einer wahren republikanischen Übereinkunft lebe ich nur mit ganz wenigen. Der Rest ist Ruhe, Rousseaus Frage nach dem Wert einer solchen Ruhe in der Republik: »Was haben sie von einer solchen Ruhe, wenn diese gerade ein Teil ihres Unglücks ist?« Ohne dass die meisten es merken, werden sie gefressen: »Ruhig lebt man auch im Kerker; fühlt man sich deshalb dort schon wohl? Die Griechen, die der Zyklop in seiner Höhle gefangenhielt, lebten gänzlich ungestört darin und durften ganz ruhig warten, bis sie gefressen wurden.«imnamenderrepublikhöhle

 

»Im Namen der Republik.«  Zur Anthologi
Lesung, Theater, Literaturperformance, Clubabend
7. Juni 2014 | DAI Heidelberg 

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