»Vielleicht wer jahrlang unter euern mördern sass · In euren zellen schlief: steht auf und tut die tat.«

M.s Eltern sind seltsame, aber liebenswürdige Menschen. Ich habe sie vor kurzem erst kennengelernt: Es sind Menschen der Gegenwart und der Tat. Ich dagegen spüre eine starke Abneigung, mich auf den Nutzen der Gegenwart zu fixieren. 

Ich stelle mir vor, dass das vielleicht allen Dichtern gemeinsam ist: Wenn man schreibt, verliert man den Moment der Gegenwart ja beständig aus den Augen. Im Spatium, dort erlischt er, in der Fuge von Geschriebenem und Folgendem. 

»Man muss aus jedem Augenblick des Lebens das beste herausholen«, sagte ihr Vater, ein ansonsten verständiger Mann, zu vorangeschrittener Stunde. Und ich versuchte mir vorzustellen, wie das aussähe, wenn das beste so am Haken zappelte. Nicht von ungefähr lasse ich die gefangenen Fische gleich wieder frei. 

Die Zeit am Fluss konstituiert sich zwar über solche Momente, es geht aber mehr um die Askese der Geduld als darum, das beste an Ertrag aus diesen Stunden herauszuholen. Ich musste versprechen, ihm beim nächsten Grillen eine Flußforelle mitzubringen. Das ist seine Vorstellung, das beste aus einem Samstagabend im Sommer zu machen. 

Die Mutter, M.s Ebenbild, schön wie die Nacht, ist misstrauischer und hellsichtiger als der Vater, den meine klugen Reden blenden. So nebenbei, in der Küche, nagelte sie mich fest: wie das sei mit dem Abschluss des Studiums, wie denn meine Prognose sei – sie meinte, hoffe ich, den Arbeitsmarkt – usw., sodass ich mich gezwungen fühlte, einen Teller fallen zu lassen, was ein erschröckliches Getöse gab, mich aber aus der Situation rettete. 

Aus meinem Herzen mache ich keine Mördergrube, aber die Maximen anderer Menschen bringen mich manchmal in große Verlegenheit. Es ist so, als riefe jemand »Stehenbleiben!«, und man fühlt sich verhaftet, und soll gestehen, und weiß doch so gar nichts zu erklären. Alle kamen sie herbeigelaufen.

Auch die zierliche Katze kam und machte große Augen, welches Unheil da über das Haus gekommen war. Ich hätte sie auf allen Vieren um Verzeihung bitten wollen. Hunger, Schlaf, Fressen, Streunen: alles mit einer gesunden Neugier und Gleichgültigkeit zugleich. Mir imponieren Katzen. Niemals würden sie mit Inbrunst Scherben zusammenfegen und glücklich seufzen, wenn der Mülleimer zuklappt. 

Die Marmorplatten hatten es zum Glück gut überstanden. Man wendete sich neuen Aufgaben zu, deren Anzahl diesen Abend schier unerschöpflich schien. Diese Rastlosigkeit scheint ungeheuer notwendig zu sein. Selbst im Gefängnis und im Irrenhaus wird man unentwegt beschäftigt.

Dass ich lange nichts tun muss, mich einschließen, wie in einer Klause, um irgendwann tatsächlich zur Tat schreiten zu können, das ist für geschäftige Menschen schwer zu begreifen. Das eigentliche Handeln ergibt sich dann irgendwann von selbst. Ist man dagegen ständig mit irgendetwas im Gange, tut man im Grunde doch nichts, man vertreibt nur Zeit. 

In den Blicken von M.s Eltern, bisweilen auch in ihren eigenen, sehe ich so etwas wie einen Vorwurf, als versündigte man sich am Leben, als brächte man sich um etwas, wenn man lange schlief und lange in den Himmel sah. Ich bedaure es, dass ihnen dadurch das beste immer entgehen muss, weil es ihrem Blick beständig flieht.

An freien Tagen, ohne Vernissage, ohne Büro oder Theater, ist M. besonders rastlos, weil sie immer irgendetwas, das sie für gerechtfertigt hält, tun muss. Sie macht Listen, was alles zu erledigen sei, nur um sich zu beruhigen: Es sieht aus wie der Plan zu kleinen Glücksmomenten. Das scheint mir eine weithin verbreitete Marotte zu sein. 

Ich lasse die Dinge gerne, wie sie sind, vielleicht auch nur ein theologischer Komplex: In der schönen Unordnung meiner Tagträume zieht alles wolkengleich vorbei und nur unverhofft, wenn M. mich auf den Nacken küsst, erwischt mich doch das Glück des Augenblicks, wie es dem noch blinden Katzenjungen widerfährt, das von der Mutter, und es weiß nicht, wie ihm geschieht, in die Schwerelosigkeit gehoben wird.

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Mehr von mir: »Im Namen der Republik.« Lesung, Theater, Literaturperformance, Clubabend | 7. Juni 2014 | DAI Heidelberg

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3 Kommentare zu “»Vielleicht wer jahrlang unter euern mördern sass · In euren zellen schlief: steht auf und tut die tat.«

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