Festessen.

Weder sind sie bei sich, noch sind sie beim anderen. Die Augen schweifen eine Weile hungrig aufeinander umher, wenn sie die Mäntel endlich abgelegt und am Tisch Platz genommen haben. Dann aber, warm und satt vom Warten, werden die Bewegungen verzagt, bis zuletzt nur die Verwerfungen des Tischtuches bleiben. Es mögen bloß Mädchenträume sein, die hinter der Stirn spielen, und der Mann, das traurige Tier, mahnt sich vielleicht, Haltung anzunehmen.

Bisweilen ist es auch er, der mit einem Male, nachdem er sich ein Stück Brot abgebrochen hat, unmerklich fast den Kopf wiegt. Wenn das Fleisch auf der Gabel wie ins Zwielicht gerät, sieht man ein Stocken der Kaumuskeln, ein unwillkürliches Tasten der Zunge innen an der Unterlippe entlang. In großer Bestürzung schmeckt er das Salz an der Zungenspitze, umspült vom süßen Wein, während das Lamm ihm langsam am Gaumen zergeht.

Da entwischt ihm ein Blick, der sie zu Tränen rühren könnte, und die Wange färbt sich rot und der weiche Leib, kaum sichtbar, hebt sich auf vom Boden, als holte der Hunger selbst Atem. Niemand aber kann sicher sein, dass es wirklich geschehen ist. Dann gehen die beiden mit dem Besteck wieder um, als kratzten sie schon Frost von der Windschutzscheibe, und bis zum Himmel wirft das Tischtuch Falten. – Für diesen einen Augenblick stehe ich stundenlang in der Küche.

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9 Kommentare zu “Festessen.

  1. Ein Meister im genüsslichen Verweilen.
    Ein Amuse-gueule.
    Ein reiner Gaumenschmeichler.
    Der Kenner genießt und sinnbildert wild zurück, völlig verschwelgzückentrückt im kulinarischen Traumaugenblick…schon verrückt, was Mann tut, tut es ihm nur gut.

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  2. Geniessen kann man nur, wenn man, der Gast keinen Hunger hat. Wer richtig Hunger hat, der / die wird rein schaufeln, voll stopfen, sich sättigen, denn schließlich wurde zum Essen geladen. Wo geladen wird, da kann man/weib sich schamlos voll laden und so werden Gabel und Löffel zur Schaufel des Baggers Mensch.

    Wer seine sinnlichen Creationen geniessen will, der läd Niemanden ein, sondern verbringt einen schönen Abend zusammen mit sich Selbst bei geniessen und Musik.

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  3. Ein wirklich schöner Text. Da freut man sich schon direkt auf das nächste kulinarische Erlebnis. Es ist ja schon fast so, als gehöre man zu einer Gruppe von Außenseitern, wenn man in Zeiten von Fastfood und Co. Essen noch richtig genießen kann. Mir scheint, als essen manche nur, weil sie müssen und nicht weil sie wollen. Dabei kann doch bereits das mühevolle Zubereiten in der Küche, besonders wenn man die Speise mit jemand Besonderes teilen will, ein wahres Feuerwerk in einem Auslösen.

    LG und danke für den Follow

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