Bei Betrachtung des streunenden Mondlichts auf M.s Schulterblatt.

Es ist nicht wieder gut zu machen: dass man geboren wurde, ist niemals wieder gut zu machen. – Das hier bin ich in der Dunkelheit. Dies ist ein Kissen, ein Kopf liegt darauf. Die Haare sammeln sich wie zufällig daneben. Ihr Rücken ist ein Abhang von blankem ausgeblichenem Fels, der erst unter den Fingern warm und weich wird, als sei die Berührung Licht und Wasser.

Hier rastet die Hand, sie grast und ruht wie im Schatten aus, niemals aber findet sie heim: der Abhang bleibt unbewohnt, bleibt von Licht durchzitterte Steinwüste, die der widerstandslose Wind schleift und formt. – Der Kopf liegt da auch ohne meine Küsse, die Haare, ohne dass ich mich in ihrem Gespinst verliere. All das wäre dort auch ohne mich. Und der Wind draußen bewegt die Wipfel weiterhin auch ohne mein Zutun.

Heute hab ich mich nach langer Zeit wieder in den Wald getraut. Wenn M. mich begleitet, gehe ich sogar gerne den schmalen Weg hinein, der gegenüber meines Fensters beginnt. Wir stiegen den Heiligenberg hinauf, der Pfad war aufgeweicht und rutschig, es regnete noch immer leicht und wie abertausendfach auf die Blätter, die uns schirmten, und kleine Wasser bahnten sich neben uns den Hang hinab. Bisweilen lag in roten Hügeln abgerutschte Erde auf dem Weg.

M. hat ein beinah enzyklopädisches Wissen über den Wald. Sie zeigte mir Hirschzungen und Blutaugen, und erst, als sie auch noch von Eichen anfangen wollte zu reden, hielt ich es nicht mehr aus. Lange saßen wir also so da und sahen zum im Nebel verschwindenden Königstuhl hinüber. Auf diese eigentümliche Weise verstört, die der Wald in mir auslöst, ging ich M. auf dem Heimweg eilig voraus. Als ich rücklings stürzte und M. mich auffangen wollte, fielen wir beide, und waren über und über mit roten Schlamm bedeckt.

Zurück in Handschuhsheim, waren wir uns einig, dass es nun nötig sei, heiß zu duschen. Ich suchte M. frische Kleider zusammen. Mit roten Wangen, wie neugeboren stand sie vor mir. – Und jetzt? Dies sind Haut und Fleisch und Knochen, die anderm Fleisch und Haut und Knochen verfallen sind. In der Nacht weniger gespenstisch noch als am Tag. Im Dunkeln scheint all das doch zusammenzufinden: da liegt M. schön wie der Kosmos neben mir und in diesem schönen All verliert sich langsam meine Misologie.

Gäb es nicht einen Menschen in der Welt, du könntest dich davonstehlen wie ein Dieb in der Nacht. Der Planet aber mit dem blauen, melancholischen Kopf ist nach den Sternen offen, und die sehnsüchtig gewölbten Stirnen der Passanten eilen unablässig in den Gassen. Aus solchen Konstellationen ist keine Flucht. Man ist geboren, geborgen, verhaftet, verloren. Wieder ist es eng im Schädel, wieder verdichtet sich der Raum darin, dass eine Kugel not täte, ihn aufzusprengen. –

Jetzt aber sammeln sich an ihren blassen Schläfen Harz und Honig: man möchte ihre Träume an langen Seilen herauswinden und sich darin einspinnen. So sieht man meine Hand ihr durchs Haar, die Schläfen aufschreckend, und zuletzt Kopf in Kopf versinken. –

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31 Kommentare zu “Bei Betrachtung des streunenden Mondlichts auf M.s Schulterblatt.

  1. Seltsam, diese unglaubliche Distanz, gerade in der Nähe. Gibt es denn keine gemeinsame Geschichte?
    LG
    Björg

    PS: Ich dachte doch, es gebe tatsächlich irgendwo auf der Welt ein Motorschiff mit dem Namen unseres schönen Schulterblatts, inzwischen Hamburgs Schanzenmeile gänzlich dominiert vom zahlungskräftigen Kreativvolk. Macht nix!

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  2. Ja, wer geboren ist muss sterben und dazuwischen muss er leben. Dieses „Haut und Fleisch und Knochen“-Gefühl kommt bei mir gerne auf, wenn ich mit großen Menschenmassen kollidiere: Ein Haufen wabbeliger Materie!, gruselt es mich dann manchmal..

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  3. Die Betrachtung des streunenden Mondlichts auf M’s Schulterblatt bewirkt visuelle Lichtschattenspiele irgendwo tief in meinen glasfasrigen Nervenbahnen. Längst vergessene Wünsche ziehen als Mondschafe vorbei. Bilder seh ich auch: eine bergtallandschaft seidig und fahlfarben, sie könnte auch auf dem Mond sein.
    Ein Text, wahrlich zum Anfassen.
    Mit Begeisterung gelesen,

    Gruß von Erstleserin Karfunkelfee

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  4. Welch schöner Text, nicht nur weil ich viele Erfahrungen, vielleicht aber auch Empfindungen teilen kann. Ich gehe gern in den Wald mit ihr, auch um zu lernen, was dort zu lernen ist, aber mir graut auch vor ihm: vor seinem Verfall, den modrigen Hölzern, seiner erbarmungslosen Monokultur und den aufgeblähten Tierleichen, die wir manchmal finden. Fast jedes Wochenende gehe ich dorthin, um Mensch zu sein und der Kälte etwas entgegensetzen zu können.

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  5. Pingback: Mascha – Teil 1. | Paul Fehm

  6. Ein Text, wie feine Spinnenweben in denen das Mondlicht gefangen ist und trotzdem Schwer wie die Regentropfen an einem Sonnentag.
    Schon der Titel weckt die Gedanken und beflügelt die Fantasie.

    Ich danke für alles, sowie für den Besuch und den Follow. :)
    LG Luna

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  7. Pingback: »Bei Betrachtung des streunenden Mondlichts auf M.s Schulterblatt« zum Anhören. | Paul Fehm

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